Zeitglockenturm Solothurn: das älteste Bauwerk der Stadt

Er steht am Marktplatz, mitten im Herz der Altstadt, und schlägt seit Jahrhunderten die Stunden: Der Zeitglockenturm ist nicht nur das älteste Bauwerk Solothurns, er ist auch das eindrücklichste. Wer einmal erlebt hat, wie zur vollen Stunde der Glockenschläger seinen Hammer hebt, der König seinen Kiefer bewegt und der Tod stumm mahnt, vergisst diesen Turm nicht mehr.

Lage & Orientierung

Der Zeitglockenturm steht an der Hauptgasse 46, 4500 Solothurn, direkt am Marktplatz, dem zentralen Treffpunkt der Altstadt. Vom Hauptbahnhof Solothurn ist er in etwa 8 Gehminuten erreichbar: einfach der Hauptgasse folgen, dem natürlichen Herzstück der Fussgängerzone. Die nächste Bushaltestelle «Solothurn, Stadtmitte» liegt wenige Schritte entfernt.

In unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich die Jesuitenkirche, der Simsonbrunnen und die St.-Ursen-Kathedrale. Der Turm ist von Weitem sichtbar und beherrscht die Achse der Hauptgasse eindrücklich, wer auf der Gasse ostwärts blickt, sieht dahinter die barocke Fassade der St.-Ursen-Kathedrale auftauchen: ein Stadtbild von seltener Geschlossenheit.

Das Erste, was man sieht: Baubeschreibung

Der Zeitglockenturm ist ein rechteckiger Massivbau aus grob behauenem Sandsteinquaderwerk, daher auch sein Beiname «Roter Turm». Die bossierten Quader mit schmalem Randschlag im oberen Bereich deuten auf frühgotische Bauweise hin. Das Mauerwerk ist solide und wuchtig, typisch für eine Befestigungs- und Wachanlage des frühen 13. Jahrhunderts.

Der Turm schliesst oben mit einer zierlichen Helmlaterne ab, in der der Glockenschläger Jacquemart thront. Darunter, unter einem kupferbeschlagenen Schirmdächlein, ist die berühmte Automatengruppe angebracht: Ritter, König und Tod, alle in Lebensgrösse (mit Ausnahme des Königs), alle in den Solothurner Farben Rot und Weiss gekleidet. Das grosse astronomische Zifferblatt, auf alle vier Himmelsrichtungen ausgerichtet, dominiert die Turmfassade.

Unten am Zifferblatt findet sich ein berühmtes Distichon in Latein, verfasst vom Humanisten Heinrich Glareanus (1488–1563): «In Gallien gibt es ausser Trier keine ältere Stadt als Solothurn, weshalb man beide als Schwestern bezeichnet.» Ein stolzer Anspruch, der noch heute in Stein und Farbe prangt.

Geschichte & Entstehung

Der Zeitglockenturm wurde anfangs des 13. Jahrhunderts als Bestandteil der Burg erbaut und 1408 erstmals als «Zitglogge» erwähnt. Genauer: Der untere Teil des heutigen Zeitglockenturms entstammt ungefähr der Zähringerzeit, gebaut also unter Konrad von Zähringen, der Solothurn damals massgeblich prägte. Stilistisch deutet das Mauerwerk auf das frühe 13. Jahrhundert hin.

Der Turm entstand nicht isoliert, sondern als Teil eines grösseren städtischen Verteidigungssystems: Auf dem Gebiet des heutigen Zeitglockenturmes befand sich die mittelalterliche Stadtburg, im Osten durch den Graben des Goldbaches natürlich geschützt. Er war also ursprünglich kein blosser Wachturm, sondern Teil der Burganlage selbst.

Rund zwei Jahrhunderte nach dem Bau folgte das bedeutendste Kapitel seiner Geschichte: Die Glockenschlägerfigur wurde 1454/55 errichtet. Das astronomische Uhrwerk sowie die Figurengruppe erstellte man zwischen 1543 und 1545. Lorenz Liechti und Joachim Habrecht bauten das astrologische Uhrwerk und die Automatengruppe. Das Uhrwerk von Lorenz Liechti aus Winterthur gilt bis heute als Meisterwerk der mittelalterlichen Uhrmacherkunst.

Das astronomische Uhrwerk: ein Meisterwerk

Das grosse astronomische Uhrwerk von Lorenz Liechti und Joachim Habrecht zeigt oben die zwölf Tagesstunden und unten die zwölf Nachtstunden auf dem 24-Stunden-Zifferblatt, Monat und Jahreslauf an. Der Sonnenzeiger zeigt die zwölf Tierkreiszeichen und die Jahreszeiten. Der Mondzeiger läuft in der gleichen Richtung wie der Sonnenzeiger, denn auch der Mond bewegt sich im Tierkreis.

Dazu kommen die drei beweglichen Figuren: Zwischen Ritter und Tod sitzt der kleine, gnomhafte König mit Krone, Narrenkappe und Zepter auf dem Thron. In der rechten Hand hält er das Zepter, das er bei jedem Stundenschlag hebt, gleichzeitig bewegt er lautlos den Unterkiefer, wie wenn er die Stunden mitzählen würde. Mit jeder Stunde erinnert die Gruppe als Memento mori an den Tod, eine in Mechanik gegossene Lektion über die Vergänglichkeit.

Frühere Nutzung

Der Zeitglockenturm war nie ein Tor im eigentlichen Sinne, er stand mitten in der Stadtburg, nicht am Stadtrand. Seine Funktion war zunächst militärisch-herrschaftlich: als Teil der zähringischen Burg diente er der Kontrolle und dem Schutz des zentralen Stadtgebiets. Die Lage am Marktplatz machte ihn ausserdem zu einem Signalturm, der Uhrzeit und Alarm für die ganze Bevölkerung anzeigte.

Mit der Installation des Uhrwerks 1545 verschob sich seine Funktion hin zum öffentlichen Zeitgeber: Der Marktplatz war das wirtschaftliche Herz der Stadt, und die genaue Zeit war für Händler, Handwerker und Bürger von unmittelbarem Wert. Der Turm wurde damit zum Taktgeber des städtischen Alltags, eine Funktion, die er bis heute erfüllt.

Schicksalhafte Momente

Im Unterschied zu vielen anderen Türmen der Stadtbefestigung hat der Zeitglockenturm keine dramatischen Belagerungen oder Explosionen erlitten, seine Lage im Inneren der Stadt schützte ihn. Dafür erlebte er den schleichenden Wandel der Zeit und mehrere wichtige Restaurierungen.

Die grösste Bedrohung kam nicht durch Feinde, sondern durch den technischen Fortschritt: Das Erdgeschoss des Turms war bis 1960 mit einem Kreuzgratgewölbe aus grossformatigen Backsteinen überdeckt, dieses wurde im Zusammenhang mit dem Einbau einer Transformatorenstation abgebrochen. Ein unwiederbringlicher Verlust an historischer Substanz, der heute mit Bedauern vermerkt wird.

Eine grosse Zäsur bildete auch die Renovation von 1883, das Datum ist am Zifferblatt verewigt, neben der Jahreszahl 1545 der Ersterstellung. Die letzte grosse Gesamtrestaurierung erfolgte 1999/2000: Dabei wurden Uhrwerk, Automatengruppe, Figuren, astronomisches Werk und Glockenwerk vollständig restauriert. Seit 1981 betreut der Solothurner Stadtuhrmacher Martin von Büren das Werk täglich.

Nutzungswandel im 19./20. Jahrhundert

Der Zeitglockenturm hat seinen militärischen Ursprung längst hinter sich gelassen. Heute ist er primär Kulturerbe und Tourismusmagnet. Anders als Baseltor oder Buristurm wird er nicht vermietet oder anderweitig kommerziell genutzt, er bleibt das, was er immer war: ein öffentliches Uhrwerk für alle.

Der Turm kann bei geführten Touren von innen besichtigt werden. Das faszinierende Uhrwerk, die mechanischen Figuren und die Aussicht über die Altstadt machen diese Führungen zu einem unvergesslichen Erlebnis, auch für Menschen, die eigentlich wenig Interesse an Uhrmachertechnik haben.

Die Stadtbefestigung als System

Der Zeitglockenturm gehört zur ersten Befestigungsepoche Solothurns, dem mittelalterlichen Mauerwerk, das ab dem 13. Jahrhundert entstand. Er war Teil der inneren Stadtburg, während andere Türme wie Bieltor und Baseltor als Zugangstore an der Stadtperipherie standen.

Im Zusammenspiel mit den anderen zehn Türmen bildet er das einzigartige Ensemble, das Solothurn seinen Weltruf als «besterhaltene Barockstadt der Schweiz» mitbegründet. Während die nördlichen Wachttürme und Bastionen das barocke Verteidigungssystem ab 1667 repräsentieren, steht der Zeitglockenturm für die älteste Schicht, die zähringisch-mittelalterliche Stadtgründung.

Heutige Nutzung & Aktuelles

Der Zeitglockenturm ist von aussen jederzeit frei zugänglich und kostenlos zu besichtigen. Das Schauspiel der Automatengruppe zur vollen Stunde lässt sich vom Marktplatz aus genüsslich erleben.

Geführte Turmbesteigungen finden an ausgewählten Daten statt, zuletzt waren Führungen für 2025 auf folgende Daten angesetzt: 4. August, 1. September, 15. September, 29. September und 13. Oktober 2025, jeweils um 10:15 und 11:30 Uhr, Dauer 1 Stunde, Treffpunkt vor dem Zeitglockenturm, Hauptgasse 46. Tickets können online oder im Tourist Office an der Hauptgasse 69 gekauft werden. Die Plätze sind limitiert.

Aktuelle Führungsdaten und Buchungsmöglichkeiten: solothurn-city.ch oder Tourist Office, +41 32 626 46 66.

Architektonische Besonderheiten

Was den Zeitglockenturm von allen anderen Türmen Solothurns unterscheidet, ist die einzigartige Kombination aus mittelalterlichem Bauwerk und hochmechanischer Renaissanceuhr. Kein anderer Turm der Stadt vereint diese zeitliche Spannweite, vom frühen 13. Jahrhundert bis zur Meisteruhrwerk-Kultur des 16. Jahrhunderts, in einem einzigen Baukörper.

Kunsthistorisch steht der Turm im Übergang von der Romanik zur Gotik: Das Mauerwerk mit bossiertem Quaderwerk und Randschlag ist frühgotisch, die Helmlaterne zeigt spätere Einflüsse. Das Uhrwerk dagegen ist Renaissance pur, technisch und ästhetisch auf der Höhe seiner Zeit.

Die schönste Sichtachse ist zweifellos die Hauptgasse von West nach Ost: Der Turm steht als Abschluss der Gasse, mit der Kathedrale dahinter, ein Kompositionsbild, das Fotografen aus der ganzen Schweiz anzieht.

Die Zahl 11 & der Zeitglockenturm

Der Zeitglockenturm ist Turm Nummer 1 in der Elfzahl, nicht nur chronologisch als ältestes Bauwerk, sondern auch symbolisch: Er ist das Herz des Ensembles, der bekannteste und meistfotografierte Turm der Stadt. Ohne ihn wäre die Elfzahl unvollständig.

Interessant: Solothurn wurde 1481 als 11. Stand der Eidgenossenschaft aufgenommen. Der Turm, der damals bereits über 250 Jahre alt war, erlebte diesen historischen Moment sozusagen als Zeitzeuge. Die Zahl Elf ist in Solothurn allgegenwärtig, 11 Türme, 11 Brunnen, 11 Kirchen, 11 Plätze, 11 Glocken im Münster. Der Zeitglockenturm hält diese Zahl buchstäblich am Laufen.

Foto-Tipps

Beste Tageszeit: Frühmorgens (7–9 Uhr) oder am späten Nachmittag, wenn das warme Licht die rötlichen Sandsteinquader zum Leuchten bringt. Zur vollen Stunde lohnt sich ein kurzes Video der Automatengruppe.

Bester Standpunkt: Mittig auf der Hauptgasse, etwa 30–50 Meter westlich des Turms, so kommt die Tiefenwirkung mit Jesuitenkirche und Kathedrale dahinter voll zur Geltung. Für Detailaufnahmen: das Zifferblatt mit Tierkreiszeichen, die bemalten Figuren unter dem Schirmdächlein, die Jahreszahlen 1545 und 1883.

Jahreszeiten: Im Winter mit Schnee ist der dunkle Turm besonders stimmungsvoll. Im Frühling rahmen die Blumenkörbe der Altstadt das Motiv ein. Beim Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz ergibt sich ein malerisches Abendmotiv mit Lichterketten und Turm.

Anreise & Kombination

Zu Fuss vom Bahnhof: Ca. 8 Minuten, einfach der Hauptgasse entlang Richtung Altstadt.
Bushaltestelle: «Solothurn, Stadtmitte», wenige Schritte entfernt.
Parkhaus: Parkhaus Zentrum (Hauptgasse) oder Parkhaus Berntor, beide ca. 5 Minuten Fussweg.

Sinnvolle Kombinationen: Zeitglockenturm + Jesuitenkirche (50 m) + Simsonbrunnen + St.-Ursen-Kathedrale (300 m) ergibt eine kompakte Altstadt-Runde von ca. 45 Minuten. Wer die ganze Turmserie abklappern möchte, startet hier und arbeitet sich über Baseltor und Bieltor vor, alle drei Priorität-1-Türme liegen innerhalb von 10 Gehminuten.

FAQ

Wann wurde der Zeitglockenturm gebaut?

Der Turm wurde in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichtet, wahrscheinlich als Teil der zähringischen Stadtburg. Die erste urkundliche Erwähnung als «Zitglogge» stammt aus dem Jahr 1408. Das astronomische Uhrwerk wurde 1544/45 von Lorenz Liechti eingebaut.

Was bedeuten die drei Figuren am Turm?

Ritter, König und Tod bilden eine sogenannte Totentanz-Gruppe, ein Memento mori, das jede Stunde an die Vergänglichkeit des Lebens erinnert. Alle drei tragen die Solothurner Farben Rot und Weiss. Der König bewegt bei jedem Schlag seinen Unterkiefer, der Glockenschläger Jacquemart in der Laterne oben schlägt die Stunden.

Kann man den Zeitglockenturm von innen besichtigen?

Ja, aber nur im Rahmen geführter Touren, die an ausgewählten Daten stattfinden (ca. monatlich). Von aussen ist der Turm jederzeit frei zugänglich. Führungsdaten und Tickets: solothurn-city.ch oder Tourist Office, Hauptgasse 69.

Warum heisst er auch «Roter Turm»?

Der Beiname stammt vom rötlichen Sandsteinquaderwerk, aus dem der Turm errichtet wurde. Dieser Jurasandstein ist typisch für Solothurner Bauten und verleiht dem Turm seine charakteristische warme Färbung, besonders schön im Abendlicht.

Warum steht der Zeitglockenturm noch, wenn so viele andere Türme abgebrochen wurden?

Seine zentrale Lage am Marktplatz und seine Funktion als öffentlicher Zeitgeber haben ihn geschützt: Der Turm war nie «im Weg» wie die Berntore oder Teile der Ringmauer. Ausserdem war das Uhrwerk von Lorenz Liechti schon im 16. Jahrhundert so berühmt, dass niemand wagen wollte, den Turm abzubrechen. Er ist heute eines von 18 Baudenkmälern der Stadt, die unter nationalem Schutz stehen.


Teil der Serie «Die 11 historischen Türme von Solothurn» | Quellen: Solothurn Tourismus, Totentanz-Vereinigung Schweiz, Watch-Wiki, Denkmalpflege Kanton Solothurn, Wikipedia

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