3,7 Kilometer Finsternis. Ein alter Zug aus dem Jahr 1940. Eine Leinwand auf einem offenen Güterwagen. Und mitten drin, tief im Innern des Weissenstein, eine Tunnelquelle, wo man aussteigt, sein Glas auffüllt und dem Berg lauscht. Das Tunnelkino zwischen Oberdorf und Gänsbrunnen ist das wohl längste Kino der Welt und gleichzeitig eines der seltsamsten, stimmungsvollsten und einzigartigsten Kinoerlebnisse der ganzen Schweiz. Und es kämpft ums Überleben.
Auf einen Blick
Inhaltsverzeichnis
| Betreiber | Verein Tunnelkino |
| Strecke | Oberdorf SO nach Gänsbrunnen (und zurück), Weissensteintunnel |
| Tunnellänge | 3,7 km (Weissensteintunnel) |
| Kapazität | 40 Personen pro Fahrt |
| Zugfahrzeug | Triebwagen ABe 526 (Baujahr 1940, ehem. SOB) |
| Kinowagen | 2 umgebaute Autoverladewagen der BLS |
| Website | tunnelkino.ch |
| info@tunnelkino.ch | |
| Status 2026 | Zukunft ungewiss (Triebwagen kann finanziell nicht revidiert werden) |
Was das Tunnelkino ist und wie es funktioniert
Das Tunnelkino ist kein Gebäude. Es hat keine festen Wände, keine Bestuhlung in Reihen und keine Popcorn-Theke. Es ist ein Zug. Genauer: ein historischer Triebwagen, der zwei umgebaute Güterwagen mit offener Kinobestuhlung durch einen 3,7 Kilometer langen Eisenbahntunnel unter dem Weissenstein zieht.
So funktioniert ein Abend beim Tunnelkino: Die Gäste treffen sich im Bahnhof Oberdorf. Auf der Hinfahrt von Oberdorf nach Gänsbrunnen sitzen sie im historischen Triebwagen und werden mit einem Apéro verwöhnt: Sirup, Absinth oder Pernod. In der Tunnelmitte hält der Zug. Alle steigen aus, Glas in der Hand, und spazieren auf der Schiene ein paar Schritte bis zur Tunnelquelle. Das Wasser ist jährlich geprüft und trinkbar. Man füllt das Glas auf, hört einige Infos über den Weissensteintunnel und seinen Bau, spürt die feuchte Kühle des Berges. Dann geht es weiter nach Gänsbrunnen.
In Gänsbrunnen wird in die umgebauten Güterwagen mit Kinobestuhlung umgestiegen. Auf der Rückfahrt durch den Tunnel flimmert auf einer Grossleinwand ein Film, der exklusiv für das Tunnelkino produziert worden ist. Vier solcher Filme existieren. Die Kulisse: 3,7 Kilometer dunkler Tunnel, beleuchtete Felswände, das Rattern der Räder. Ein Kinoerlebnis, das man mit keinem anderen vergleichen kann.
Der Weissensteintunnel: die Bühne
Der Weissensteintunnel ist ein 3701 Meter langer, einspuriger Eisenbahntunnel an der Bahnstrecke Solothurn-Moutier. Er unterquert den 1395 Meter hohen Weissenstein als Juradurchstich und verbindet das Solothurner Mittelland mit dem Thal und dem Jura. Gebaut wurde er von der ehemaligen Solothurn-Münster-Bahn (SMB), eröffnet 1908. Das Nordportal liegt bei Gänsbrunnen auf 722 Metern, das Südportal bei Oberdorf auf 659 Metern.
Der Tunnel hat ein einseitiges Gefälle von Nord nach Süd von 18 Promille und ist weitgehend gerade, mit nur einem kurzen Bogen von 300 Metern Halbmesser am Südausgang. In seiner Blütezeit wurden durch ihn auch Autotransportzüge von den Peugeot-Werken in Montbéliard geführt. Heute betreibt die BLS die Strecke, die SBB fährt sie im Stundentakt in rund 3 Minuten durch.
Von März 2024 bis Mai 2026 war der Tunnel zur Sanierung gesperrt. Am 30. Mai 2026 fand in Oberdorf ein Festakt zur Wiedereröffnung statt. Der Personenverkehr wurde am 6. Juni 2026 wieder aufgenommen. Der Tunnel ist damit wieder befahrbar. Das Tunnelkino allerdings steht trotzdem vor grossen Fragen.
Die Geschichte: wie alles begann
Die Geschichte des Tunnelkinos beginnt mit einer Bedrohung. 1997 prüften Bund und Kanton Solothurn die Wirtschaftlichkeit der Linie Solothurn-Moutier. Es drohte die Einstellung des Betriebs, was gerade für das obere Thal und Gänsbrunnen die Verbindung in die Kantonshauptstadt massiv erschwert hätte. Nach dem Entscheid für den Erhalt der Linie sollte das Personal der Strecke mit einem Eisenbahnfest auf ihrer Linie beauftragt werden, um die Bekanntheit und Attraktivität der Region zu stärken.
Am 29. und 30. Mai 1999 fanden die Eisenbahntage in Gänsbrunnen statt. Und hier, bei diesen Festlichkeiten, wurde erstmals ein Tunnelkino angeboten. Ein BLS-Autozugwagen wurde umfunktioniert, eine Leinwand aufgestellt, und über 800 Personen nutzten an zwei Tagen die Gelegenheit, auf diesem speziellen Wagen ein Kino im Tunnel zu erleben. Der Erfolg war überwältigend.
Auf diesen Erfolg hin gründete sich im Jahr 2000 die Interessengemeinschaft Kino im Tunnel. Im April 2000 wurden in über 2000 Fronarbeitsstunden zwei alte Autoverladewagen der BLS-Lötschbergbahn in mobile Kinowagen umgebaut. Im Mai 2000 fand die erste offizielle Tunnelkinofahrt statt. Am 30. Dezember 2000 folgte die formelle Vereinsgründung. 2002 wurde daraus der Verein Tunnelkino.
Der Triebwagen ABe 526: die Seele des Zuges
Das Herzstück des Tunnelkinos ist der Triebwagen mit der technischen Bezeichnung ABe 526, Baujahr 1940. Er stammte ursprünglich von der Südostbahn (SOB) und wurde 2001 vom Verein Tunnelkino übernommen, revidiert und mit einer blauen Lackierung sowie der Aufschrift «Ciné Tunnel / Tunnel Kino» versehen. Seit August 2001 zieht er die Kinozüge durch den Weissensteintunnel.
Die Vereinsmitglieder, von denen zwei Drittel Eisenbahner sind, pflegten den Triebwagen über die Jahrzehnte mit grossem Einsatz und Fachwissen. Dank ihrer liebevollen Pflege musste in all den Jahren nie eine einzige Fahrt ausfallen. 2021 erhielt der Triebwagen nach 20 Jahren im Dienst eine vollständige Neulackierung und neue Polster. Die Sitzmöbel wurden in der Werkstatt der Seilbahn Weissenstein in Oberdorf unter der Leitung einer Fachfrau neu bezogen. Die Neubemalung erfolgte im Depot des Vereins Historische Eisenbahn Emmental (VHE) in Huttwil.
2014 wurde der Triebwagen mit dem vom Bundesamt für Verkehr (BAV) geforderten Zugsicherungssystem ETM-S ausgerüstet, was ihm die Zulassung auf dem gesamten schweizerischen Normalspurnetz sicherte. Eine technische Investition, die dem Verein damals grosse Kraftanstrengungen abverlangte.
2023 bis 2026: Tunnelsanierung und ungewisse Zukunft
Die letzten regulären Tunnelkinovorführungen vor der Sanierung fanden 2023 statt. Dann begann die Sperrung des Weissensteintunnels. Während der Sanierungszeit vermietete der Verein seinen Triebwagen für Extrafahrten und Firmenanlässe auf dem SBB- und BLS-Netz, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.
Der Weissensteintunnel wurde am 30. Mai 2026 mit einem Festakt in Oberdorf wiedereröffnet, der Personenverkehr am 6. Juni 2026 wieder aufgenommen. Doch just in dem Moment, als der Tunnel wieder offen ist, steht das Tunnelkino vor einem existenziellen Problem.
An der Vorstandssitzung vom 27. April 2026 hat der Vorstand des Vereins Tunnelkino beschlossen, dass der Triebwagen ABe 526 zwingend revidiert werden müsste, um die Fahrbewilligung vom EVU BLS AG (BAV) zu erhalten. Diese Revision ist aus finanziellen Gründen nicht mehr möglich. Die Kosten sind zu hoch. Die beiden Kinowagen (Leinwandwagen und Tribünenwagen) sind noch für zwei weitere Jahre zugelassen. Würde es gelingen, ein geeignetes zugelassenes Triebfahrzeug zu mieten oder zu erwerben, könnte das Tunnelkino mit diesen Wagen weiterbetrieben werden. Ob dies gelingt, ist offen. Scheitern die Bemühungen, würde der Verein aufgelöst und keine Tunnelkinofahrten mehr stattfinden können.
Wer das Tunnelkino unterstützen möchte: Infos zum Verein und zur Mitgliedschaft gibt es auf tunnelkino.ch oder per E-Mail unter info@tunnelkino.ch.
Das Erlebnis: was dich erwartet
Das Tunnelkino ist ein Gruppenangebot. Der Wagen bietet Platz für maximal 40 Personen, und wegen des Aufwands werden Fahrten nur mit Voranmeldung durchgeführt. Buchungen über tunnelkino.ch. Das Angebot richtet sich an Firmen, Vereine, Schulklassen, Freundesgruppen und alle, die etwas wirklich Besonderes erleben wollen.
Auf dem Programm stehen mehrere Spielfilme, die exklusiv für das Tunnelkino produziert wurden. Sie zeigen unter anderem die Geologie des Weissensteins, den Bau des Tunnels, die Tourismusregion und die Geschichte der Bahnstrecke. Thematisch passend zur Kulisse, die sich draussen im Dunkeln abspielt.
Das Erlebnis in der Tunnelmitte, an der Wasserquelle, ist für die meisten Gäste der emotionale Höhepunkt: Mitten im Berg aussteigen, auf der Schiene stehen, das Wasser aus der Tunnelquelle ins Glas füllen und die Stille und Kühle des Gesteins spüren. Ein Moment, der sich ins Gedächtnis einschreibt.
Die Fahrzeuge im Detail
Triebwagen ABe 526 (Baujahr 1940)
Ursprünglich von der Südostbahn (SOB) stammendes Fahrzeug, das 2001 vom Verein übernommen, revidiert und als Bistro-Wagen mit Apéro-Angebot umgebaut wurde. Er zieht die beiden Kinowagen und war das Herzstück des Betriebs. Im Innern wurde er mit dem Tunnelkino-Look und komfortablen Sitzen ausgestattet. 2021 vollständig neu lackiert. Aktuell (Stand Juni 2026) ohne Fahrbewilligung und in seiner Zukunft ungewiss.
Leinwandwagen und Tribünenwagen
Zwei ehemalige Autoverladewagen der BLS-Lötschbergbahn, die in über 2000 Fronarbeitsstunden zu mobilen Kinowagen umgebaut wurden. Der Leinwandwagen trägt die Grossleinwand, der Tribünenwagen bietet auf leicht erhöhten Holzbänken Platz für die Gäste. Beide Wagen sind noch bis 2028 zugelassen. Sie sind das eigentliche Kino des Zuges.
Lage und Anreise
Der Ausgangspunkt für die Tunnelkinofahrten ist der Bahnhof Oberdorf SO, einem Dorf im Solothurner Thal, südlich des Weissensteins. Oberdorf liegt an der Bahnstrecke Solothurn-Moutier und ist mit dem Zug direkt aus Solothurn erreichbar. Ab Hauptbahnhof Solothurn dauert die Fahrt nach Oberdorf rund 20 Minuten. Auch die Kombination mit der Seilbahn Weissenstein ist möglich: Wer über den Weissenstein wandert und auf der anderen Seite hinunterkommt, landet in Oberdorf direkt beim Bahnhof.
Das Tunnelkino passt ideal zu einem Ausflugsprogramm rund um den Weissenstein: Morgens mit dem Zug nach Oberdorf, Seilbahn auf den Weissenstein, Wanderung, Mittagessen im Restaurant auf dem Grat, Abstieg zurück nach Oberdorf, Tunnelkinofahrt am Abend. Ein Tag, der lange in Erinnerung bleibt.
Tunnelkino und die Solothurner Kinolandschaft
Das Tunnelkino ist kein Kino im klassischen Sinn und gehört nicht zum Verbund kinosolothurn.ch. Es ist ein Erlebnisangebot, das die Grenze zwischen Eisenbahn, Natur und Kinokultur aufhebt. In der reichen Kinolandschaft der Region Solothurn, mit Palace, Capitol, Canva und Uferbau, nimmt es eine absolute Sonderstellung ein: Es ist das einzige, das man mit einem regulären Zug erreicht, das einzige auf Schienen und das einzige, das unter einem Berg stattfindet.
Wer alle Spielorte der Region kennenlernen möchte: Kino Solothurn: Die Übersicht aller Spielorte
FAQ
Was ist das Tunnelkino?
Das Tunnelkino ist ein mobiles Kino auf Schienen: Ein historischer Zug fährt durch den 3,7 Kilometer langen Weissensteintunnel zwischen Oberdorf und Gänsbrunnen. Auf einem offenen Güterwagen mit Kinobestuhlung wird auf einer Grossleinwand ein exklusiv produzierter Film gezeigt. Mit Apéro, Tunnelquelle und Halt in der Tunnelmitte.
Wie viele Personen passen in das Tunnelkino?
40 Personen pro Fahrt. Das Tunnelkino ist ein Gruppenangebot und kann für Firmen, Vereine und grössere Gruppen gebucht werden. Voranmeldung ist zwingend notwendig.
Wie alt ist der Zug?
Der Triebwagen ABe 526 wurde 1940 gebaut und ist damit über 85 Jahre alt. Er stammte ursprünglich von der Südostbahn (SOB) und wurde 2001 vom Verein Tunnelkino übernommen. Die Kinowagen wurden 2000 aus ehemaligen BLS-Autoverladewagen umgebaut.
Wann entstand das Tunnelkino?
Die Idee entstand 1999 an den Eisenbahntagen in Gänsbrunnen. Die erste offizielle Fahrt fand im Mai 2000 statt, der Verein Tunnelkino wurde 2002 gegründet. 2019 feierte das Tunnelkino sein 20-Jahr-Jubiläum.
Kann man noch Tunnelkinofahrten buchen?
Die Situation ist im Juni 2026 ungewiss. Der Triebwagen benötigt eine kostspielige Revision, die der Verein finanziell nicht stemmen kann. Der Verein sucht nach einer Lösung. Aktuellste Infos: tunnelkino.ch oder info@tunnelkino.ch.
Wie kommt man nach Oberdorf?
Mit dem Zug ab Hauptbahnhof Solothurn Richtung Moutier bis Oberdorf SO, Fahrzeit rund 20 Minuten. Die Strecke wurde am 6. Juni 2026 nach der Tunnelsanierung wieder für den Personenverkehr geöffnet.
Quellen: tunnelkino.ch | Wikipedia Weissensteintunnel | Solothurner Zeitung | Anzeiger TGO | Guidle | schienenverkehr-schweiz.ch


