249 Stufen. 66 Meter. Und oben eine Aussicht, die Solothurner ein Leben lang nicht vergessen. Der Kirchturm der St.-Ursen-Kathedrale ist nicht nur der höchste Punkt der Altstadt, er ist das Herzstück der Elfzahl, das Wahrzeichen der Stadt und der einzige Turm Solothurns, der gleichzeitig Gotteshaus, Aussichtspunkt, Glockenstube und mietbare Eventlocation ist. Es lohnt sich, den Aufstieg zu wagen.
Lage & Orientierung
Inhaltsverzeichnis
Der St.-Ursenturm steht an der Hauptgasse 66, am östlichen Ende der Altstadt, erhöht auf einer Anhöhe, die ihn schon von Weitem sichtbar macht. Der Eingang zum Turm befindet sich auf der Ostseite der Kathedrale. Vom Hauptbahnhof Solothurn sind es rund 10 Gehminuten, einfach die Hauptgasse entlanggehen, am Zeitglockenturm vorbei, bis die mächtige Freitreppe der Kathedrale auftaucht.
In unmittelbarer Nachbarschaft liegen das Baseltor (wenige Schritte östlich) sowie der Friedhofplatz mit dem Simsonbrunnen. Der Turm ist aus fast allen Richtungen sichtbar, wer Solothurn von der Riedholzstrasse oder der Baselstrasse her anfährt, sieht ihn schon von Kilometern entfernt über die Dächer ragen. Das Volkslied bringt es auf den Punkt: «Es gugget der Sant-Urse-Turm wyt usen übers Land.»
Das Erste, was man sieht: Baubeschreibung
Der Turm ist ein frühklassizistischer Zwiebelturm aus hellem Solothurner Jurakalkstein, dem sogenannten «Solothurner Marmor», der in strahlendem Weiss die Stadtsilhouette beherrscht. Die charakteristische geschnürte Haube, die den Turm abschliesst, ist die Visitenkarte des Architekten Gaetano Matteo Pisoni aus Ascona: eine bauchige, dann abrupt eingeschnürte Turmspitze, die in der ganzen Schweiz einzigartig ist.
Gekrönt wird der Turm von Kugel, Kreuz und Wetterhahn. Die grossen Schallöffnungen der Glockenstube sind weithin sichtbar. Die Plattform liegt in 50 Metern Höhe, der Turm selbst misst 66 Meter (6 × 11, ein weiteres Elfzahl-Wunder). Über 249 Stufen schraubt man sich hinauf, ein Aufstieg, der mit einem der schönsten Panoramen der Schweizer Mittellandstädte belohnt wird.
In der Glockenstube hängen 11 Glocken, gegossen 1764–1768 in der Giesserei Kaiser in Solothurn. Im Erdgeschoss des Turms ist der Domschatz untergebracht, mit dem Hornbacher Sakramentar (um 983 im Kloster Reichenau entstanden), einer Marienstatue und weiteren kostbaren Objekten.
Geschichte & Entstehung
An der Stelle der heutigen Kathedrale standen seit dem frühen Mittelalter Vorgängerbauten: Bereits im 9. Jahrhundert gab es hier eine Kirche, geweiht den Märtyrern Ursus und Viktor, zwei römischen Soldaten, die ihres christlichen Glaubens wegen hingerichtet worden waren. 1360 wurde ein gotischer Turm errichtet. Bauspuren reichen sogar bis vor das 10. Jahrhundert zurück.
Das heutige Gebäude ist der dritte völlige Neubau an dieser Stelle: 1762 begannen die Arbeiten nach Plänen von Gaetano Matteo Pisoni aus Ascona, sein Neffe Paolo Antonio Pisoni leitete den Bau in den späteren Phasen. 1773 war die Kathedrale vollendet, der Bau dauerte exakt 11 Jahre. Die Architektur ist stilistisch am Übergang vom Barock zum Frühklassizismus angesiedelt und gilt als bedeutendstes schweizerisches Bauwerk des Frühklassizismus.
Frühere Nutzung
Der Turm war von Beginn an für einen Glockenstuhl vorgesehen. Daneben hatte er eine wichtige Wachfunktion: Er wurde lange Zeit von einem Turmwächter bewohnt, der als Feuerwächter und Späher fungierte. Von der Plattform aus überblickte er die ganze Stadt und das umgebende Land, jeder Brand, jede feindliche Bewegung war von hier oben rechtzeitig zu erkennen.
Das Leben als Türmer war ein eigener Beruf mit geregelter Entschädigung, sozialer Stellung und klaren Pflichten. Er wohnte hoch oben in der Turmspitze, schlug Alarm wenn nötig und war für die Bürger der Stadt eine unsichtbare, aber stets präsente Schutzinstanz. Diese Tradition endete im 19. und frühen 20. Jahrhundert mit dem Aufkommen moderner Feuerwehr- und Kommunikationsmittel.
Schicksalhafte Momente
Vor dem heutigen Bau erlebte der Standort dramatische Momente: Ein Turm des Vorgängerbaus stürzte ein, Brände beschädigten die Kirche, und es gab heftigen Streit um die Baupläne des Neubaus. Architekt Pisoni setzte sich letztlich durch, in der Rekordzeit von sechs Wochen arbeiteten er und sein Neffe die Pläne aus, die alle Konkurrenten überzeugten.
2014 wurden vier durch Gebrauch verstimmte Glocken festgestellt und das Geläut restauriert. Zum 250-Jahr-Jubiläum 2023 fanden besondere Führungen in normalerweise nicht zugängliche Bereiche statt, Orgelempore, Glockenstuhl. Das Jubiläumsbier braute die «Öufi Brauerei», natürlich mit Elfzahl im Namen.
Nutzungswandel im 19./20. Jahrhundert
Als die Funktion des Turmwächters wegfiel, blieb der Turm seiner religiösen Bestimmung treu: als Glockenturm der Kathedrale des Bistums Basel. Die Plattform wurde schrittweise für Besucherinnen und Besucher geöffnet. Seit einigen Jahren bietet Solothurn Tourismus die beliebte Abendführung «Was vom Tage übrigbleibt» an, ein Sundowner auf der Turmplattform mit einem Glas Solothurner Burgerwein und Blick über die Stadt. Ein Erlebnis, das die alte Funktion des Turmwächters auf moderne Weise neu interpretiert.
Die Stadtbefestigung als System
Der St.-Ursenturm ist kein Wehrturm im militärischen Sinne, er gehört zur Kathedrale. Dennoch ist er Teil des Ensembles aus Kathedrale, Baseltor und St.-Ursenturm, das den östlichen Altstadtrand definiert. Das Baseltor liegt buchstäblich zu Füssen der Kathedrale, gemeinsam bilden sie einen der eindrücklichsten Stadtabschlüsse der Schweiz.
In der Elfzahl der Türme nimmt er eine Sonderstellung ein: Als einziger Kirchturm in der Reihe ist er weder Wehrturm noch Stadttor, sondern sakrales Bauwerk und doch integraler Bestandteil des städtischen Erscheinungsbilds und der Elfzahl-Tradition.
Heutige Nutzung & Aktuelles
Der Turm ist von Ostern bis Allerheiligen (ca. April bis November) bei schönem Wetter zur Besteigung geöffnet. 249 Stufen führen zur Plattform in 50 Metern Höhe, bei klarem Wetter reicht der Blick von den Juraketten bis zu den Berner Alpen. Eintrittspreis: kostenpflichtig, aktuelle Preise beim Tourist Office.
Die Turmplattform kann gemietet werden, für einen Apéritif mit 7 bis 20 Personen. Speisen und Getränke selbst mitbringen. Anfragen: Römisch-katholische Kirchgemeinde, Hauptgasse 75, Solothurn.
Abendführung «Was vom Tage übrigbleibt»: An ausgewählten Daten (2025: 22. August, 28. August, 11. September, 7. Oktober), inkl. kleinem Apéro. Tickets online oder im Tourist Office, Hauptgasse 69.
Architektonische Besonderheiten
Was den St.-Ursenturm von allen anderen Türmen Solothurns unterscheidet, ist sein einzigartiger Abschluss: Die «geschnürte Haube», bauchig, dann scharf eingeschnürt, ist die Visitenkarte Pisonis und in dieser Form in der Schweiz einmalig. Kunsthistorisch ist der Turm ein Musterbeispiel des Frühklassizismus mit barocken Elementen.
Der 11. schwarze Stein im Boden des Kirchenschiffs ist ein weiteres Elfzahl-Detail: Von diesem Punkt aus sind alle 11 Altäre der Kathedrale gleichzeitig sichtbar, ein bewusst inszenierter Blickpunkt, der die Zahl Elf ins Innere des Baus trägt.
Geheimtipp für die beste Sichtachse: Von der Baselstrasse bei den Weihern, kurz vor Feldbrunnen, dort bietet sich der eindrücklichste Blick auf die meerschaumweisse Kathedrale mit ihrem Turm.
Die Zahl 11 & der St.-Ursenturm
Kein anderes Bauwerk Solothurns verkörpert die Elfzahl so vollständig. Zur Erinnerung: Der Bau dauerte 11 Jahre (1762–1773). Die Freitreppe hat 3 × 11 Stufen. Im Innern stehen 11 Altäre. Der Turm ist 6 × 11 Meter hoch. Im Glockenstuhl hängen 11 Glocken. Und vom 11. schwarzen Stein im Boden aus sind alle 11 Altäre sichtbar.
Der Turm ist damit nicht bloss der fünfte in der Elfzahl, er ist ihr lebendigstes Symbol. Während andere Türme die Zahl im Stadtbild repräsentieren, trägt dieser sie bis in das letzte Detail seiner Architektur eingeschrieben.
Foto-Tipps
Aussen: Morgens von der Hauptgasse, wo der Turm die Gasse abschliesst. Geheimtipp: Baselstrasse bei den Weihern für den Totalpanorama-Blick. Detail-Aufnahmen der geschnürten Haube, der Schallöffnungen und der 3 × 11 Stufen der Freitreppe.
Oben: Zur blauen Stunde oder bei Sonnenuntergang, dann sind die Farben über der Aare und den Juraketten am schönsten. Bei Nebel: Frühmorgens liegt oft noch Nebel in den Tälern, der sich langsam hebt, ein fotografisch einzigartiges Erlebnis.
Anreise & Kombination
Zu Fuss vom Bahnhof: Ca. 10 Minuten, Hauptgasse entlang.
Turmeingang: Ostseite der Kathedrale, Hauptgasse 66.
Parkhaus: Parkhaus Baseltor, wenige Gehminuten östlich.
Sinnvolle Kombinationen: Kathedrale innen + Turm besteigen + Domschatz + Baseltor (50 m östlich) + Zeitglockenturm (Hauptgasse westwärts), das ist die klassische Altstadtrunde. Für einen besonderen Abend: Sundowner-Führung buchen und den Turm bei Sonnenuntergang mit Wein geniessen.
→ Zum Übersichtsartikel: Die 11 Türme von Solothurn
FAQ
Wann wurde der St.-Ursenturm gebaut?
Der heutige Turm wurde zwischen 1762 und 1773 erbaut, exakt 11 Jahre Bauzeit. Architekt war Gaetano Matteo Pisoni aus Ascona, die Bauleitung in der Spätphase übernahm sein Neffe Paolo Antonio Pisoni. An dieser Stelle standen seit dem frühen Mittelalter Vorgängerbauten; Bauspuren reichen bis vor das 10. Jahrhundert zurück.
Wie viele Stufen hat der Turm und wie hoch ist er?
249 Stufen führen zur Aussichtsplattform in 50 Metern Höhe. Der Turm selbst ist 66 Meter hoch, 6 × 11, was die Elfzahl Solothurns in der Architektur verankert.
Wann ist der Turm zur Besteigung geöffnet?
Von Ostern bis Allerheiligen (ca. April bis November), bei schönem Wetter. Der Besuch ist kostenpflichtig. Aktuelle Öffnungszeiten und Preise: solothurn-city.ch oder Tourist Office, Hauptgasse 69.
Was ist die geschnürte Haube?
Die «geschnürte Haube» ist der charakteristische zwiebelförmige Turmabschluss, bauchig, dann abrupt eingeschnürt, und gilt als Markenzeichen des Architekten Pisoni. In der Schweiz ist diese Turmform einmalig und macht den St.-Ursenturm aus jeder Distanz sofort erkennbar.
Kann man die Turmplattform mieten?
Ja, für einen Apéritif mit 7 bis 20 Personen. Speisen und Getränke selbst mitbringen. Anfragen: Römisch-katholische Kirchgemeinde, Verwaltung, Hauptgasse 75, Solothurn.
Teil der Serie «Die 11 historischen Türme von Solothurn» | Quellen: Solothurn Tourismus, Schweiz Tourismus, Wikipedia St. Ursenkathedrale, Zeitlupe Magazin, Via Surprise, WegWandern.ch, 250stursenso.ch

