Riedholzturm Solothurn: aus der Asche des Pulverturms

In der Nacht vom 26. auf den 27. Juli 1546, nach 23 Uhr, entlud sich ein heftiges Gewitter über Solothurn. Ein Blitz schlug in den viereckigen Nideckturm an der nordöstlichen Ecke der Ringmauer ein, den höchsten Punkt der Stadtbefestigung. Die Folgen waren katastrophal: 300 Zentner eingelagertes Schwarzpulver explodierten mit einem gewaltigen Knall. Der Turm und das südlich angrenzende Haus wurden vollständig zerstört, fünf Menschen kamen ums Leben. Was danach an ihrer Stelle entstand, steht noch heute: der Riedholzturm und er ist einzigartig in der ganzen Schweiz.

Lage & Orientierung

Der Riedholzturm steht am nördlichen Eckpunkt der Altstadt, am Riedholzplatz, dem östlichen Altstadtrand, nahe dem Baseltor. Er bildet den nördlichen Eckstein der Stadt und ist zusammen mit der Riedholzbastion der am besten erhaltene Teil des ehemaligen Schanzensystems. Vom Hauptbahnhof Solothurn sind es rund 12 Gehminuten zu Fuss, via Hauptgasse und Baseltor, dann nördlich am Riedholzplatz.

In unmittelbarer Nachbarschaft liegen das Baseltor (wenige Schritte südlich), das Kunstmuseum Solothurn (120 m nordwestlich) und das Museum Altes Zeughaus (100 m südlich). Der Turm ist vom Riedholzplatz aus gut sichtbar und ragt als kompakter Wehrturm markant über das umgebende Stadtbild.

Das Erste, was man sieht: Baubeschreibung

Der Riedholzturm ist ein massiver runder Wehrturm aus Solothurner Jurakalkstein, der am höchsten Punkt der Altstadt thront. An seiner Fassade ist die Jahreszahl 1548 eingemeisselt, sichtbar vom Bastionweg aus. Der Turm steht nicht allein, sondern ist Teil der Riedholzbastion: einem System aus Turm, Schanzenmauer und bis zum teilweisen Rückbau im 19. Jahrhundert, einem gewaltigen Graben von 30 bis 50 Metern Breite und 5 Metern Tiefe.

Die Bastion selbst ist heute ein begrünter Aussichtshügel mit altem Lindenbaumbestand, im Frühsommer betörend duftend, im Sommer ein ruhiger Rückzugsort hoch über dem Altstadttrubel. Zusammen bilden Turm und Bastion die einzige erhaltene barocke Vollbastion mit Graben in der ganzen Schweiz, ein Unikat von europäischer Bedeutung.

Geschichte & Entstehung

Der Riedholzturm ist der zweite Turm an diesem Standort. Sein Vorgänger, der viereckige Nideckturm, wurde 1454 errichtet und diente unter anderem als Pulvermagazin, eine damals verbreitete, aber gefährliche Praxis. In der Nacht auf den 27. Juli 1546 explodierte das eingelagerte Schwarzpulver nach einem Blitzeinschlag. Fünf Menschen kamen ums Leben, mehrere Häuser am Riedholzplatz wurden zerstört oder schwer beschädigt.

Die Stadt handelte rasch: Bereits 1548 stand der neue, runde Riedholzturm, stabiler, moderner und ohne Pulverlager. Rund 130 Jahre später, ab 1667, wurde er in das neue barocke Bastionssystem eingebunden. Die Riedholzschanze war die erste der neuen Bastionen, der Startschuss für den gesamten Solothurner Schanzenbau, eine Anlage, die rund 5 Millionen Franken kostete und in ihrer Vollständigkeit nur mit Zürich und Genf vergleichbar war.

Die Pulverexplosion von 1546: ein Stadttrauma

Die Explosion des Nideckturms war das folgenreichste Einzelereignis in der Geschichte der Solothurner Stadtbefestigung. Eine zeitgenössische Quelle schildert die Dramatik unmittelbar: «… darus der Stadt grosser Schreck und Schaden entstanden, vill Häuser im Riedholz zu Grunde geschlagen, in welchem fünf Menschen in Staub und Herd also ersteckt und tot fürhar gezogen sind, etliche geschändt an ihren Gliedern.»

Die Katastrophe hatte unmittelbare Konsequenzen für die Stadtplanung: Pulver wurde fortan nicht mehr in Wohntürmen gelagert, und der neue Riedholzturm wurde runder und robuster gebaut, runde Türme bieten weniger Angriffsfläche für Artillerie. Das Unglück von 1546 war damit ein entscheidender Impuls für die Modernisierung der gesamten Stadtbefestigung.

Nicht die letzte Katastrophe am Riedholzplatz: 1717 brannte der benachbarte Ambassadorenhof, Sitz der französischen Botschaft, vollständig aus. Auch die Dächer des Thüringenhauses und des Riedholzturms wurden dabei in Mitleidenschaft gezogen.

Frühere Nutzung

Der Riedholzturm diente nach seiner Errichtung 1548 als Wehr- und Wachturm an der strategisch wichtigsten Ecke der Stadtbefestigung, dem nördlichsten und höchsten Punkt der Altstadt, mit weitem Blick über die Umgebung. Mit dem Bau der barocken Riedholzschanze ab 1667 veränderte sich seine Rolle: Der Turm blieb als Eckpfeiler der Bastion erhalten, während das eigentliche Verteidigungssystem nun aus dem komplexen Schanzensystem mit Gräben, Wällen und Vorwerken bestand.

Bemerkenswert: Die gesamte Solothurner Schanzenanlage wurde nie zur Verteidigung eingesetzt. Sie erfüllte ihre Abschreckungsfunktion, ohne je beschossen oder gestürmt zu werden. Ein gewaltiges Bauwerk, für den Frieden.

Nutzungswandel im 19./20. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert brachte dem Schanzensystem den Rückbau: Aus wirtschaftlichen, städtebaulichen und verkehrstechnischen Gründen wurden die meisten Schanzen zwischen 1835 und 1905 abgetragen. Der gewaltige Graben wurde verfüllt, Wälle wurden geschliffen. Doch die Riedholzbastion mit dem Riedholzturm blieb erhalten, zusammen mit der Krummturmschanze als wertvollstes Zeugnis des Solothurner Schanzenbaus.

Heute ist die Bastion ein öffentlicher Grünraum, der Turm in den Sommermonaten für Anlässe mietbar, eine sanfte, lebendige Nachnutzung, die dem Ort seine Würde lässt.

Die Stadtbefestigung als System

Der Riedholzturm steht an der Schnittstelle zweier grosser Befestigungsepochen: Er selbst stammt aus der Renaissance-Phase von 1548, die Bastion rund um ihn aus der barocken Phase ab 1667. Zusammen bilden sie das eindrücklichste erhaltene Zeugnis der Solothurner Befestigungsgeschichte und das Schweizer Unikat einer vollständig erhaltenen barocken Vollbastion mit Graben.

Der Riedholzturm ist laut Solothurn Tourismus ein Überbleibsel von 11 Reduits, die einst Solothurn schützten, auch hier kehrt die Elfzahl zurück. Die Riedholzschanze war die erste der neuen Bastionen, deren Grundstein 1667 gelegt wurde.

Heutige Nutzung & Aktuelles

Der Riedholzturm und die Riedholzbastion sind jederzeit frei und kostenlos zugänglich. Die Bastion ist ein beliebter öffentlicher Grünraum, besonders im Frühsommer, wenn die alten Linden blühen, ihr Duft den ganzen Platz erfüllt und die Bienen summen. Ein echter Geheimtipp für eine ruhige Auszeit hoch über der Altstadt.

In den Sommermonaten kann der Raum im Erdgeschoss des Turms sowie die Plattform in luftiger Höhe für private Anlässe gemietet werden. Anfragen über Solothurn Tourismus, Hauptgasse 69, +41 32 626 46 66.

Architektonische Besonderheiten

Was den Riedholzturm von allen anderen Solothurner Türmen unterscheidet, ist seine einzigartige Einbettung in die einzige erhaltene barocke Vollbastion mit Graben in der Schweiz. Kein anderer Turm des Landes steht in einem so vollständig erhaltenen Festungskontext.

Der runde Grundriss des Turms ist typisch für die Artillerieverteidigung des 16. Jahrhunderts, runde Türme bieten weniger Angriffsfläche und leiten Kanonenkugeln besser ab als eckige Bauformen. Die beste Sichtachse: vom Bastionweg durch den Schanzenhügel auf den Turm, dort ist die Jahreszahl 1548 sichtbar. Von der Bastion selbst bietet sich ein weiter Rundblick über die Altstadt, den Riedholzplatz und die Jurakette im Norden.

Die Zahl 11 & der Riedholzturm

Der Riedholzturm ist laut Solothurn Tourismus ein Überrest der ursprünglich 11 Reduits, die das Solothurner Schanzensystem einst bildeten, die Elfzahl kehrt also auch hier zurück. Und er ist derjenige unter den elf Türmen, der am wenigsten bekannt ist und gleichzeitig einer der historisch faszinierendsten. Wer ihn besucht, entdeckt Solothurn von seiner unbekanntesten und zugleich spektakulärsten Seite.

Foto-Tipps

Beste Tageszeit: Morgens, wenn das Licht den Turm anstrahlt und die Schatten der Linden lange Muster auf die Bastion werfen. Im Frühsommer mit blühenden Linden: ein seltenes und duftendes Motiv. Im Winter mit Schnee wirkt das dunkle Mauerwerk besonders eindrücklich.

Bester Standpunkt: Vom Bastionweg auf den Turm, dort kommen Jahreszahl und Turmcharakter voll zur Geltung. Von der Bastion selbst: Weitwinkelaufnahme mit Turm im Vordergrund und Altstadtpanorama dahinter. Geheimtipp: Bei Sonnenuntergang auf der Bastion, die Linden als Silhouetten vor dem Abendhimmel, der Turm im Gegenlicht.

Anreise & Kombination

Zu Fuss vom Bahnhof: Ca. 12 Minuten, via Hauptgasse und Baseltor, dann nördlich zum Riedholzplatz.
Parkhaus: Parkhaus Baseltor, wenige Gehminuten südlich.
Bus: Haltestelle «Solothurn, Baseltor».

Sinnvolle Kombinationen: Riedholzturm + Riedholzbastion + Baseltor (5 Minuten südlich) + St.-Ursenkathedrale (180 m südlich) + Museum Altes Zeughaus (100 m südlich, perfekte Ergänzung zum Thema Stadtbefestigung). Eine kompakte Runde durch den östlichen Altstadtrand.

Zum Übersichtsartikel: Die 11 Türme von Solothurn

FAQ

Wann wurde der Riedholzturm gebaut?

Der heutige Riedholzturm wurde 1548 fertiggestellt, als Ersatz für den Nideckturm, der 1546 durch einen Blitzeinschlag und die Pulverexplosion zerstört wurde. Die Jahreszahl 1548 ist in der Fassade eingemeisselt und bis heute sichtbar.

Was passierte 1546 am Riedholzplatz?

In der Nacht auf den 27. Juli 1546 schlug ein Blitz in den Nideckturm ein. Die 300 Zentner (ca. 15 Tonnen) eingelagerten Schwarzpulvers explodierten. Fünf Menschen kamen ums Leben, mehrere Häuser wurden zerstört oder schwer beschädigt, eine der schlimmsten Katastrophen in der Geschichte der Solothurner Stadtbefestigung.

Was macht den Riedholzturm einzigartig in der Schweiz?

Zusammen mit der Riedholzbastion bildet er die einzige erhaltene barocke Vollbastion mit Graben in der ganzen Schweiz, ein Ensemble von höchstem historischen Wert, das in seiner Vollständigkeit im Land einmalig ist.

Kann man den Riedholzturm besuchen oder mieten?

Die Riedholzbastion ist jederzeit frei und kostenlos zugänglich. In den Sommermonaten kann der Turm (Erdgeschoss und Plattform) für private Anlässe gemietet werden. Anfragen über Solothurn Tourismus, Hauptgasse 69.

Hat die Schanzenanlage je ihre Verteidigungsfunktion erfüllt?

Nein, die gesamte Solothurner Schanzenanlage, die ab 1667 für rund 5 Millionen Franken gebaut wurde, wurde nie zur Verteidigung eingesetzt. Zwischen 1835 und 1905 wurde der grösste Teil wieder abgetragen, nur die Riedholzbastion mit dem Riedholzturm und die Krummturmschanze blieben erhalten.


Teil der Serie «Die 11 historischen Türme von Solothurn» | Quellen: Solothurn Tourismus, Solothurner Zeitung, Wikipedia Solothurn, Bürgergemeinde Solothurn, Wikimedia Commons

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