Solothurn Brunnen - Moses - Brunnen

Moses-Brunnen Solothurn: Hörner, C.F. Meyer & 11 Wasserstrahlen

Vor der Freitreppe der St.-Ursenkathedrale, links der grossen Treppenanlage, steht der Moses-Brunnen, das Geschwisterstück des Gedeon-Brunnens, geschaffen vom gleichen Bildhauer, am gleichen Tag, für den gleichen Anlass. Während beim Gedeon-Brunnen bis heute gerätselt wird, wer auf ihm steht, ist beim Moses-Brunnen alles klar: Die Hörner, der Stab, das Wasser aus dem Fels. Hier steht Moses, unmissverständlich. Und seine Hörner erzählen eine der faszinierendsten Übersetzungsgeschichten der Weltliteratur.

📍 Lage: wo genau steht er?

Der Moses-Brunnen steht links der Freitreppe der St.-Ursenkathedrale, direkt an der Hauptgasse, am östlichen Ende der Flaniermeile. Zusammen mit dem Gedeon-Brunnen auf der rechten Seite bildet er ein Rahmenpaar für die monumentale Treppenanlage der Kathedrale. Die beiden Brunnen sind die einzigen Schalenbrunnen unter den 11 historischen Brunnen Solothurns und laut manchen Quellen die einzigen ihrer Art in der ganzen Schweiz.

Adresse: Hauptgasse / Freitreppe St.-Ursenkathedrale, 4500 Solothurn, linke Seite der Treppenanlage, Altstadt

Vom Hauptbahnhof zu Fuss in rund 12 Minuten. Der Moses-Brunnen ist der erste oder letzte Haltepunkt der Hauptgasse, je nach Richtung und das Ensemble aus Kathedrale, Freitreppe und zwei Brunnen ist eines der eindrücklichsten Stadtbilder Solothurns.

👁️ Das Erste, was man sieht: eine Beschreibung

Der Moses-Brunnen ist ein Schalenbrunnen im Rokoko-Stil, elegant, klassizistisch, ganz anders als die Renaissance-Brunnen des 16. Jahrhunderts. Was man beim Hinschauen entdeckt:

  • Das Wasserspiel: das Wasser fliesst in elf Strahlen von einer Muschelschale in eine flache Schale und schliesslich in das grosse Becken. Elf Strahlen die Solothurner Zahl, natürlich auch hier.
  • Die Schalen: drei übereinander gestaffelte Schalen aus Stein, im Stil der Zeit elegant geschwungen. Das Wasser nimmt und gibt, fällt und ruht eine Choreographie, die Conrad Ferdinand Meyer zu einem der bekanntesten Gedichte der deutschen Literatur inspirierte.
  • Die Figur zuoberst: Moses, eindeutig erkennbar an drei Attributen: dem Stab in seiner Hand, dem Wasser, das er damit aus dem Fels schlägt und den zwei Hörnern auf seinem Haupt.
  • Die Hörner: das überraschendste Detail. Warum hat Moses Hörner? Die Antwort führt in die Geschichte der Bibelübersetzung.

🏛️ Geschichte: Brunnen der Kathedralweihe, Stein der zerbrach

Die Geschichte des Moses-Brunnens beginnt mit einem Missgeschick. Johann Baptist Babel, der Bildhauer aus dem süddeutschen Pfronten-Ried, hatte den Auftrag erhalten, zwei Brunnen für die Einweihung der St.-Ursenkathedrale zu schaffen, auf den 30. September 1773. Babel holte eigens in St-Blaise am Neuenburgersee den passenden Stein, er fand den Solothurner Kalkstein für seine Bildhauerarbeit zu hart und zu spröde.

Doch dann geschah das Missliche: Der Stein für den Moses zerbrach. Babel musste neu anfangen, mit einem neuen Block, von St-Blaise. Trotzdem vollendete er in vier Monaten beide riesigen Brunnenfiguren plus weitere Gestalten am Frontispiz der Kathedrale. Ein Tempo, das auch heute noch beeindruckt. Am 30. September 1773 war alles fertig, pünktlich zur Kirchweihe.

Die Freitreppe, die Babel mit seinen Brunnen rahmte, wurde von Paolo Antonio Pisoni entworfen, dem Neffen von Gaetano Matteo Pisoni, dem Erbauer der Kathedrale. Die Treppenanlage im «frohbeschwingten Rokokostil» mit reich verzierten Vasen auf den Balustraden ist das perfekte Gegenstück zu Babels Brunnen. Architekt und Bildhauer, Onkel und Neffe, Kathedrale und Freitreppe, alles aus einem Guss.

👤 Der Bildhauer: Johann Baptist Babel, vier Monate, zwei Brunnen

Johann Baptist Babel (1716–1799) war der bedeutendste Barockbildhauer der Schweiz, ein Süddeutscher aus Pfronten-Ried bei Füssen in Bayern, der sich 1746 in Einsiedeln niederliess. Sein Hauptwerk ist die Stiftskirche Einsiedeln, für die er ab 1746 die Chorplastiken schuf. Babel war ein Pioneer des Rokokostils in der Schweiz, seine Figuren an der Einsiedlermadonna, an Altären in Oberarth, Baar und anderswo zählen zu den feinsten Zeugnissen dieser Stilrichtung.

In Solothurn hinterliess Babel mehrere Spuren: Neben den beiden Brunnenfiguren schuf er bereits 1755/56 ein Hochaltartabernakel für die Jesuitenkirche am Klosterplatz. Die Mauritius-Statue auf dem Turm der St.-Ursenkathedrale stammt ebenfalls von ihm. Babel kannte Solothurn also gut — und die Stadt kannte ihn.

🐘 Die Hörner des Moses, eine Übersetzungsgeschichte

Das auffälligste Detail am Moses-Brunnen sind die zwei Hörner auf dem Haupt der Figur. Warum hat Moses Hörner? Die Antwort liegt in einem der bedeutendsten Übersetzungsfehler der Weltgeschichte.

Im Buch Exodus (34,29–35) heisst es, dass Mose vom Berg Sinai herunterkam und sein Angesicht strahlte, das hebräische Wort dafür ist «qaran», von der Wurzel «qeren». Doch «qeren» bedeutet auch Horn. Als der Kirchenvater Hieronymus im 4. Jahrhundert die Bibel ins Lateinische übersetzte (die «Vulgata», die bis ins 20. Jahrhundert die massgebliche Bibelübersetzung der katholischen Kirche war), übersetzte er «qaran» als «cornuta», gehörnt. Und diese Übersetzung blieb.

Die Folge: Über tausend Jahre lang stellten Künstler Moses mit Hörnern dar, weil die Vulgata es so sagte. Das berühmteste Beispiel ist die Mosesfigur von Michelangelo (um 1513–1515) in der Basilika San Pietro in Vincoli in Rom: auch dort trägt Moses Hörner. Babels Moses-Brunnen von 1773 folgt dieser Tradition und macht ihn damit zu einem Teil einer langen Kette von Fehler und Kunst, die einander befruchten.

📖 Was zeigt die Figur? Moses schlägt Wasser aus dem Fels

Die Szene auf dem Brunnen ist eindeutig: Moses schlägt mit seinem Führerstab Wasser aus dem Felsen eine Geschichte aus dem Buch Exodus (17,1–7). Das Volk Israel war in der Wüste Sinai am Verdursten, und Gott wies Moses an, mit seinem Stab auf einen Felsen zu schlagen. Wasser floss heraus genug für das ganze Volk.

Für einen Brunnen ist das die logischste aller biblischen Szenen: Moses, der Wasser aus dem Nichts schlägt, steht auf einem Brunnen, der Wasser gibt. Die Verbindung zwischen Figur und Funktion ist beim Moses-Brunnen enger als bei jedem anderen der 11 Brunnen Solothurns.

Die beiden alttestamentlichen Figuren Moses und Gedeon sind dabei nicht zufällig zusammengestellt: Beide sind in der jüdisch-christlichen Tradition mit dem Wasser als Zeichen Gottes verbunden. Moses schlägt Wasser aus dem Fels; Gedeon lässt das Schaffell Tau aufnehmen. Wasser als göttliches Signal, passend für zwei Brunnen vor einer Kathedrale.

✍️ C.F. Meyer und «Der römische Brunnen»

Der Moses-Brunnen und sein Geschwisterstück haben einen berühmten literarischen Fan: Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898), einer der bedeutendsten Schweizer Dichter des 19. Jahrhunderts. Sein kurzes Gedicht «Der römische Brunnen» beschreibt das Wasserspiel der Schalenbrunnen vor der Kathedrale, die Art, wie das Wasser von Schale zu Schale fliesst, nimmt und gibt, überfliesst und weitergibt.

Das Gedicht gehört zu den meistgelesenen deutschsprachigen Gedichten überhaupt und seinen Ursprung hat es in Solothurn, vor der St.-Ursenkathedrale, beim Moses- und Gedeon-Brunnen. «Der römische Brunnen» klingt universell, ist aber in Wirklichkeit sehr konkret: Es ist ein Solothurner Gedicht.

💧 Wozu diente der Brunnen früher?

Wie alle historischen Solothurner Brunnen war der Moses-Brunnen ein Trinkwasserbrunnen. Das Wasser floss in elf Strahlen von der Muschelschale durch die gestaffelten Schalen in das grosse Becken, von wo die Bevölkerung schöpfte. Die Lage an der Hauptgasse und direkt bei der Kathedrale machte ihn zu einem der meistfrequentierten Orte der Stadt.

Als Schalenbrunnen ist er konstruktiv anders als die früheren Säulenbrunnen: Statt einer Figur auf einer Säule über einem Trog gibt es hier gestaffelte Schalen, eine elegante Lösung, die das Wasser sichtbar macht und gleichzeitig als Skulptur wirkt.

🔢 Der Brunnen & die Zahl Elf

Das Wasser fliesst in elf Strahlen in die erste Schale, kein Zufall in Solothurn. Der Moses-Brunnen ist Teil der ungebrochenen Elfer-Tradition: 11 Türme, 11 Kirchen, 11 Brunnen, 11 Glocken in der Kathedrale, und 11 Wasserstrahlen am Brunnen vor der Kathedrale. Wer das weiss und zählt, lächelt.

📸 Foto-Tipps

  • Bestes Motiv: Moses-Brunnen mit der Freitreppe und der Kathedralfassade im Hintergrund, eines der ikonischsten Stadtbilder Solothurns. Am schönsten bei Morgenlicht.
  • Detail Moses: Die Hörner und der Stab von unten fotografiert, die Geschichte der Hörner in einem einzigen Bild. Wer erklärt, was sie bedeuten, hat die beste Gesprächseröffnung des Tages.
  • Das Wasserspiel: Die elf Strahlen von der Muschelschale in die flache Schale, mit langem Verschluss als seidiges Wasser, oder mit kurzer Belichtung als einzelne Tropfen.
  • Zusammen mit Gedeon: Beide Brunnen und die Freitreppe in einem Bild, der vollständige Rahmen der Kathedralfassade.

🚌 Anreise & Kombination

  • Zu Fuss vom Bahnhof: ca. 12 Minuten durch die Hauptgasse
  • Bus: Haltestelle Kronenplatz, dann 5 Minuten Richtung Kathedrale
  • Kombination: Direkt daneben der Gedeon-Brunnen (Geschwisterpaar). Dahinter die St.-Ursenkathedrale (täglich geöffnet). In 5 Minuten zum Gerechtigkeitsbrunnen, in 8 Minuten zum Fischbrunnen auf dem Marktplatz.

❓ Häufige Fragen

Warum hat Moses Hörner auf dem Brunnen?

Die Hörner gehen auf einen Übersetzungsfehler zurück: Als Hieronymus im 4. Jahrhundert die Bibel ins Lateinische übersetzte, übersetzte er das hebräische Wort für «strahlen» als «gehörnt». Diese fehlerhafte Übersetzung wurde über tausend Jahre verwendet, deshalb zeigen viele mittelalterliche und frühneuzeitliche Moses-Darstellungen Hörner, darunter auch Michelangelos berühmte Moses-Figur in Rom.

Was zeigt die Figur auf dem Moses-Brunnen?

Moses schlägt mit seinem Führerstab Wasser aus dem Felsen, eine Szene aus dem Buch Exodus (17,1–7), als das Volk Israel in der Wüste Sinai verdurstet und Gott Moses anweist, mit dem Stab auf einen Felsen zu schlagen.

Was hat C.F. Meyer mit dem Moses-Brunnen zu tun?

Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898) beschreibt in seinem berühmten Gedicht «Der römische Brunnen» das Wasserspiel der Schalenbrunnen vor der Solothurner Kathedrale — wie das Wasser von Schale zu Schale fliesst, nimmt, gibt und überfliesst. Das Gedicht gilt als eines der meistgelesenen deutschsprachigen Gedichte des 19. Jahrhunderts.

Warum fliesst das Wasser in elf Strahlen?

Elf ist die Zahl Solothurns, 11 Türme, 11 Kirchen, 11 Brunnen, 11 Glocken in der Kathedrale. Die elf Wasserstrahlen am Moses-Brunnen sind Teil dieser Tradition, die die ganze Stadt durchzieht.

Sind Moses- und Gedeon-Brunnen die einzigen Schalenbrunnen der Schweiz?

Beide Brunnen sind die einzigen Schalenbrunnen unter den 11 historischen Brunnen Solothurns. Einige Quellen bezeichnen sie als die einzigen ihrer Art in der ganzen Schweiz, ein Alleinstellungsmerkmal, das sie von allen anderen Stadtbrunnen des Landes unterscheidet.

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