Auf dem Zeughausplatz, direkt neben dem Museum Altes Zeughaus, steht ein Brunnen, der in seiner Kunstqualität alle anderen überragt: der Maurizius-Brunnen. Die Figur des Heiligen Mauritius, mit Harnisch, Schild, Banner und Schwert, gilt kunsthistorisch als eine der besten Brunnenfiguren des 16. Jahrhunderts in der gesamten Schweiz. Ihr Schöpfer war Hans Gieng aus Freiburg im Üechtland, der bedeutendste Brunnenbildhauer seiner Zeit nördlich der Alpen. Und der Brunnen hat eine Geschichte, die bis in die Gegenwart reicht: Sein Schwert wurde gestohlen — und kehrte nach sieben Jahren auf mysteriöse Weise zurück.
📍 Lage: wo genau steht er?
Inhaltsverzeichnis
Der Maurizius-Brunnen steht auf dem Zeughausplatz in der Solothurner Altstadt, direkt neben dem Museum Altes Zeughaus, der grössten Harnisch- und Rüstungssammlung der Schweiz. Die Lage ist kein Zufall: Ein Heiliger im Harnisch, daneben ein Haus voll mit Rüstungen, das ist ein bewusstes städtebauliches Arrangement.
Adresse: Zeughausplatz 1, 4500 Solothurn, neben dem Museum Altes Zeughaus, Altstadt
Vom Hauptbahnhof zu Fuss in rund 10 Minuten. Gut kombinierbar mit dem Gerechtigkeitsbrunnen (3 Minuten) und dem Fischbrunnen auf dem Marktplatz (5 Minuten).
👁️ Das Erste, was man sieht: eine Beschreibung
- Das Becken: ein sechseckiges Bassin aus Solothurner Stein, gefügt aus einzelnen Steinplatten, zusammengehalten von Eisenankern und Bleifugen. Der Mauritius-Brunnen ist der einzige der fünf Renaissance-Figurenbrunnen, an dem noch das originale Becken von 1556 erhalten ist, ein kunsthistorisch unschätzbares Zeugnis.
- Die Säule: mit zeittypischem Beschlag und Akanthuswerk mit Fratzen. Der Brunnenstock wurde 1620 von Gregorius Bienkher geschaffen. Das sechseckige Becken fertigte ursprünglich Jakob Pfyffer.
- Die Figur zuoberst: Mauritius, kraftvoll, stattlich, im mittelalterlichen Brustpanzer. Er trägt das rot-weisse Solothurner Banner, Schild und Schwert. Auf dem Brustpanzer das Kleeblattkreuz: dasselbe Symbol, das auch Stadtheiliger Viktor trägt, weil die Legende eine Kleewiese als Schauplatz des Märtyrertods der Thebäer nennt.
🏛️ Geschichte: anstelle eines 200-jährigen Holzbrunnens
Der Maurizius-Brunnen entstand 1556, anstelle eines rund 200 Jahre alten Holzbrunnens an der Propstei. Maurermeister Michael Haas richtete eine Stützmauer auf, an die sich das von Jakob Pfyffer gehauene sechsteilige Wasserbecken anlehnte, dasselbe, das noch heute steht. Bei allen anderen Solothurner Renaissance-Brunnen wurden die Becken im 18. Jahrhundert durch monolithische Tröge ersetzt. Beim Mauritius-Brunnen nicht. Das macht sein Becken von 1556 zum ältesten erhaltenen Original-Brunnenbecken in der ganzen Reihe der 11 historischen Brunnen.
👤 Der Bildhauer: Hans Gieng, der Meister aller Meister
Die Figur des Maurizius-Brunnens schuf Hans Gieng aus Freiburg im Üechtland und das macht ihn zu etwas Besonderem in der Solothurner Brunnengeschichte. Alle anderen Renaissance-Figurenbrunnen der Stadt stammen von der Familie Perroud. Nur beim Mauritius-Brunnen holte die Stadt einen anderen, noch bedeutenderen Bildhauer.
Hans Gieng war der produktivste und kunsthistorisch bedeutendste Brunnenbildhauer des 16. Jahrhunderts in der Schweiz nördlich der Alpen, vermutlich ein eingebürgerter Schwabe, der hauptsächlich in Freiburg lebte. Er schuf Brunnenfiguren in Bern, Freiburg, Zürich und St. Gallen. Seine Figuren zeichnen sich durch eine grössere physische Präsenz und natürlichere Bewegung aus: korrekte Proportionen, Körperbewegung in Einklang mit dem Gewand. In Solothurn war Gieng von 1554 bis 1556/57 tätig.
⚔️ Was bedeutet die Figur? Mauritius und die Thebäische Legion
Die Geschichte des Heiligen Mauritius ist eng mit der Geschichte Solothurns verknüpft, enger als bei jedem anderen Brunnenheiligen der Stadt.
Der Legende nach war Mauritius der Kommandant der Thebäischen Legion, der berühmten 11. Legion des römischen Kaiserreichs, ausgehoben bei Theben in Oberägypten. Offiziere und Mannschaft waren grösstenteils Christen. Als die Legion in das Gebiet am oberen Genfersee verlegt wurde, weigerte sie sich, gegen dortige Christen vorzugehen. Auf Befehl von Kaiser Maximian wurden Mauritius und viele seiner Kameraden bei Agaunum (heute St-Maurice im Wallis) hingerichtet.
Einige Legionäre entkamen, darunter Urs und Viktor, die späteren Stadtpatrone Solothurns. Sie flohen in das römische Solothurn, weigerten sich, fremde Götter zu verehren, und starben ebenfalls den Märtyrertod. Der direkte Faden verbindet also Mauritius mit den Solothurner Stadtheiligen: Ohne die Thebäische Legion keine Urs und Viktor und ohne Urs und Viktor kein Solothurn, wie wir es kennen.
Das rot-weisse Banner, das Mauritius hält, trägt die Stadtfarben Solothurns. Mauritius steht damit nicht nur als Heiliger auf dem Brunnen, er steht als Schutzpatron der Stadt.
🗡️ Das gestohlene Schwert und seine Rückkehr nach 7 Jahren
Bei einer Restaurierung stellte man fest, dass das Schwert des Mauritius fehlte, der Heilige hatte lange ohne Waffe auf dem Brunnen gestanden. Ein neues Schwert wurde angefertigt und angebracht.
Und dann geschah etwas Unerwartetes: Im Februar 2026 tauchte das originale Schwert plötzlich wieder auf, offenbar hatte ein scheinbar reuiger Dieb es heimlich deponiert. Mauritius steht seither mit zwei Schwertern da. Was mit dem Duplikat und dem Original geschieht, war zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch offen. Eine Geschichte, die zeigt: Die Solothurner Brunnen lassen ihre Attribute nicht los.
📜 Das Gedicht: der Brunnen kichert und plaudert
Kaplan Carl Robert Enzmann (1888–1931), dem auch das Solothurner Lied zugeschrieben wird, verfasste ein Gedicht über den Brunnen:
Der Brunnen kichert und plaudert / Die liebe, lange Nacht. / Mauritius, der Ritter, / Hält auf dem Stocke Wacht. / […] / So ist es immer gegangen, / So geht es heute noch: / Der Ernst schwebt über uns allen — / Wir plaudern und lachen doch!
Ernsthafte Geschichte und fröhliches Stadtleben — das Gedicht trifft die Stimmung des Zeughausplatzes bis heute.
📸 Foto-Tipps
- Bester Winkel: Von schräg vorne unten — so sieht man Mauritius mit Banner und Kleeblattkreuz, mit dem Zeughaus als historische Kulisse im Hintergrund.
- Detail: Das sechseckige Original-Becken von 1556 mit den Eisenbändern, handwerklich faszinierend und von kaum jemandem fotografiert.
- Kontext: Das Bild mit dem Alten Zeughaus im Hintergrund erzählt die Geschichte des Platzes: Heiliger in Rüstung, daneben das grösste Rüstungsmuseum der Schweiz.
🚌 Anreise & Kombination
- Zu Fuss vom Bahnhof: ca. 10 Minuten durch die Hauptgasse
- Bus: Haltestelle Kronenplatz, dann 5 Minuten zu Fuss
- Kombination: Direkt daneben das Museum Altes Zeughaus (Eintritt CHF 10.-, Di bis Sa 13 bis 17 Uhr, So 10 bis 17 Uhr). Weiter in 3 Minuten zum Gerechtigkeitsbrunnen, in 5 Minuten zum Fischbrunnen.
❓ Häufige Fragen
Wer hat den Maurizius-Brunnen geschaffen?
Die Figur schuf Hans Gieng aus Freiburg im Üechtland (1556) — der bedeutendste Brunnenbildhauer des 16. Jahrhunderts in der Schweiz. Den Brunnenstock fertigte 1620 Gregorius Bienkher, das Becken von 1556 schuf Jakob Pfyffer.
Was hat Mauritius mit Solothurn zu tun?
Mauritius war der Kommandant der Thebäischen Legion, aus der auch die Solothurner Stadtpatrone Urs und Viktor stammten. Nach dem Massaker bei Agaunum flohen Urs und Viktor nach Solothurn — ohne die Thebäische Legion gäbe es die Stadtheiligen Solothurns nicht.
Was ist die Geschichte mit dem Schwert?
Das Schwert des Mauritius wurde gestohlen, ein Ersatz angefertigt. Im Februar 2026 tauchte das originale Schwert nach sieben Jahren plötzlich wieder auf — deponiert von einem offenbar reuigen Dieb. Mauritius steht seither mit zwei Schwertern da.
Welcher Brunnen hat noch das originale Becken von 1556?
Nur der Mauritius-Brunnen. Bei allen anderen Renaissance-Figurenbrunnen wurden die Becken im 18. Jahrhundert ersetzt. Das sechseckige Steinplatten-Becken ist das einzige originale Brunnenbecken aus der Entstehungszeit.
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