Er heisst Krummturm, ist aber gar nicht krumm. Der Name täuscht, das Dach täuscht, und selbst die Legende täuscht: Sie erzählt von Liebe, Verrat und Tod, und sie erklärt das schiefe Dach auf eine Weise, die man so schnell nicht vergisst. Der Krummturm am Ritterquai in der Vorstadt ist das älteste unverändert erhaltene Bauwerk der Stadt Solothurn und einer der geheimnisvollsten Türme in der ganzen Schweiz.
Lage & Orientierung
Inhaltsverzeichnis
Der Krummturm steht südlich der Aare, in der Solothurner Vorstadt, am Ritterquai, ausserhalb der eigentlichen Altstadt, am Ufer des Flusses. Vom Stadtzentrum sind es lediglich 5 Gehminuten zu Fuss, von der Wengibrücke aus ist er direkt sichtbar. Die nächste Schiffanlegestelle der BSG (Bielersee-Schifffahrtsgesellschaft) ist nur wenige Schritte entfernt — von hier aus startet die längste und schönste Flussfahrt der Schweiz nach Biel.
Der Turm steht auf der Krummturmschanze, einer erhöhten Schanzenanlage direkt am Aareufer. In der Umgebung: Die Wengibrücke (nördlich), das Alte Spital (westlich) und das ruhige Vorstadt-Quartier mit seinen Restaurants und Beizen. Der Turm ist von der Brücke und vom nördlichen Aareufer (Ritterquai) aus gut sichtbar und wirkt von dort mit seinem schiefen Dach unverkennbar.
Das Erste, was man sieht — Baubeschreibung
Der Krummturm ist ein fünfeckiger Wehrturm aus Solothurner Jurakalkstein und genau dieses unregelmässige Fünfeck ist der Schlüssel zu seinem rätselhaften Namen. Der Turm selbst steht gerade und schnurgerade. Aber das Dach, das auf dem fünfeckigen Grundriss aufliegt, wirkt von den meisten Seiten her schief es erscheint verdreht, schräg, ja «krumm». Daher der Name: nicht der Turm ist krumm, sondern sein Dach sieht es aus.
Im Innern birgt der Turm eine Besonderheit, die einem den Atem verschlägt: Im untersten Geschoss, direkt unter dem ersten Stock, befindet sich ein 10 Meter tiefes Verlies ein stockdunkler Kerker ohne Tageslicht, in dem einst Verbrecher eingesperrt wurden. Der Eingang in dieses Verlies ist ein 3,8 Meter hoher Raum unmittelbar darüber, durch den man hinabgelassen wurde. Die westliche Mauerspitze des Grundrisses ist zugemauert, das Verlies ist heute noch vorhanden.
Auf der Krummturmschanze stehen historische Artilleriegeschütze des Artillerievereins Solothurn, darunter eine restaurierte Radgürtelkanone von 1889 und eine zwei Tonnen schwere 10,5-cm-Haubitze mit Schutzschild. Ein eindrückliches militärhistorisches Ensemble unter freiem Himmel.
Geschichte & Entstehung
Der Baubeginn des Krummturms ist nicht präzise bekannt, näherungsweise wird das Jahr 1454 genannt. Vollendet war der Turm im Jahr 1462/63. Eine Chronik von Franz Haffner hält fest: «An 1462. Der Kaumauff — also genannt wegen dess langsamen Baws, anjetzt der Kurmb Thurn in der Vorstatt zu oberst am Eck dess Aar-Flusses, wird diss Jahr vollendet.» Der Innenausbau folgte 1463, als die Solothurner Regierung die Vergabe der «Büninen und Stegen in dem Turn in der Vorstatt um 6 Guldin» erwähnte.
Der ursprüngliche Volksname war denn auch «Kumuff», was so viel bedeutet wie «Kaum auf»: ein Spottname auf den schleppenden Baufortschritt. Erst später setzte sich der Name «Krummturm» durch, wohl wegen des schiefen Dachs. Die Motivation für den Bau geht auf die indirekte Bedrohung durch die Armagnaken zurück, ein Angriff auf Schweizer Gebiet hart an der damaligen Solothurner Territoriumsgrenze hatte die Stadt aufgeschreckt und zum Bau eines zusätzlichen Wehrturms in der exponierten Vorstadt veranlasst.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war der Turm bewaffnet: Ein Inventar vom 21. Dezember 1606 verzeichnet im Krummen Turm «ein Falkenettly und nüt drzue», ein kleines Geschütz, mehr nicht. Der Turm war also Wehrturm, aber kein schwer bewaffneter Artillerieposten.
Die Krummturmlegende: Eine tragische Liebesgeschichte
Wenn historische Wände sprechen könnten, hätten diese wohl einiges zu erzählen. Und die Solothurner erzählen es auch: die Krummturmlegende, eine der bekanntesten lokalen Sagen der Stadt.
Die Geschichte geht so: Ein junger Zimmermann verliebte sich unsterblich in die Tochter des Baumeisters des Turms. Der Vater, ein Patrizier, war mit dieser Verbindung ganz und gar nicht einverstanden. Um den unerwünschten Verehrer loszuwerden, erteilte er ihm eine scheinbar unlösbare Aufgabe: Er übergab ihm die Pläne des fünfeckigen Turmdachs und versprach ihm die Hand seiner Tochter — sobald er ein schönes, regelmässiges Dach gebaut habe. Was der Vater verschwieg: Ein regelmässiges Dach auf einem unregelmässigen Fünfeck ist bautechnisch unmöglich.
Der junge Zimmermann arbeitete verzweifelt und als er erkannte, dass sein Werk unweigerlich schief werden würde, dass er die Geliebte nie bekommen könnte, stürzte er sich in die Aare. Sein Tod löste in der Stadt grosses Entsetzen aus. Das Volk war so empört über den hinterhältigen Baumeister, dass man ihn vor Gericht brachte und ihn als Ersten in sein eigenes Verlies warf, das er selbst gebaut hatte. Der Turm stand noch lange ohne Dach, bis ein alter, erfahrener Zimmermann das Werk schliesslich vollenden konnte.
Frühere Nutzung
Der Krummturm war von seiner Entstehung an ein eigentlicher Wehrturm: Die Schiessscharten in seinen Mauern belegen dies eindeutig. Er stand an der südlichen Vorstadt, am Aareufer, einer strategisch wichtigen Position, von der aus die Flussquerung und der südliche Zugang zur Stadt kontrolliert werden konnten.
Das 10 Meter tiefe Verlies im Untergeschoss diente als Gefängnis, ein stockdunkler, von aussen unzugänglicher Kerker, der als besonders sichere Verwahrung für gefährliche Verbrecher galt. Die Dunkelheit und Tiefe machten eine Flucht so gut wie unmöglich.
Mit dem Bau der barocken Krummturmschanze ab dem späten 17. Jahrhundert wurde der Turm in das neue Befestigungssystem eingebunden und blieb als Eckpfeiler erhalten, auch als die meisten anderen Schanzen im 19. Jahrhundert abgetragen wurden.
Nutzungswandel im 19./20. Jahrhundert
Im Jahr 1947 übernahm der Artillerieverein der Stadt Solothurn den Turm von der Stadt in einer Art Baurecht für 99 Jahre und ist seither Hausherr. Der Verein nutzt den Turm als Vereinslokal und hat die historischen Artilleriegeschütze auf der Schanze aufgestellt, die dem Ensemble seinen unverwechselbaren militärischen Charakter geben.
Die Krummturmschanze hat sich unterdessen zu einem beliebten Veranstaltungsort entwickelt: Jedes Jahr im August verwandelt sie sich in das «Solothurner Sommerfilm»-Openair-Kino, eine der schönsten Freiluftkino-Kulissen der Schweiz, mit Turm und Aareufer als Hintergrundkulisse. Die 30. Ausgabe findet vom 18. bis 23. August 2026 statt.
Die Stadtbefestigung als System
Der Krummturm ist das einzige erhaltene Befestigungselement südlich der Aare, alle anderen elf Türme stehen nördlich des Flusses in der eigentlichen Altstadt. Er repräsentiert die Ausdehnung der Stadtbefestigung auf die Vorstadt und zeigt, dass Solothurn auch den südlichen Zugang ernsthaft sicherte.
Zusammen mit der Krummturmschanze ist er, neben der Riedholzbastion, das zweite grosse erhaltene Element des barocken Schanzensystems. Beide Anlagen wurden zwischen 1835 und 1905 beim grossen Rückbau verschont, während die übrigen Schanzen verschwanden.
Heutige Nutzung & Aktuelles
Der Krummturm selbst ist nicht öffentlich zugänglich, er dient dem Artillerieverein als Vereinslokal. Er kann jedoch für private Anlässe gemietet werden. Anfragen direkt an den Artillerieverein Solothurn (avsolothurn.vsav.info).
Die Krummturmschanze mit den historischen Geschützen ist bei Veranstaltungen zugänglich, insbesondere beim jährlichen Sommerfilm-Openair im August. Die «Solothurner Sommerfilme» finden jedes Jahr an sechs Abenden statt und zeigen internationale Filmperlen in einzigartiger Kulisse. Nächste Ausgabe: 18.–23. August 2026. Tickets und Programm: altesspital.ch.
Architektonische Besonderheiten
Was den Krummturm von allen anderen Solothurner Türmen unterscheidet, ist sein unregelmässiger Fünfeck-Grundriss, einmalig unter den elf Türmen der Stadt. Diese Form erzeugt das optische Phänomen des schiefen Dachs und macht den Turm aus fast jedem Blickwinkel anders aussehen. Kein anderer Turm der Stadt ist so vielgesichtig.
Wikipedia bezeichnet ihn als das älteste unverändert erhaltene Bauwerk der Stadt Solothurn, eine Auszeichnung, die noch den Zeitglockenturm übertrifft, der im Laufe der Jahrhunderte deutlich mehr Veränderungen erfahren hat. Der Krummturm steht heute im Wesentlichen so da wie 1462/63.
Die beste Sichtachse: Von der Wengibrücke nach Süden, so kommt das schiefe Dach und die Aareufer-Lage voll zur Geltung. Von der Schanze selbst: Blick auf den Turm mit den Kanonen im Vordergrund und der Aare dahinter.
Die Zahl 11 & der Krummturm
Der Krummturm ist der einzige der elf Türme, der südlich der Aare steht, in der Vorstadt, jenseits des Flusses, der die Stadt von ihrer Südseite her trennte. Er verkörpert damit ein Prinzip der Elfzahl, das oft übersehen wird: Die elf Türme schützen Solothurn nicht nur ringförmig, sondern auch über den Fluss hinaus, vollständig, nach allen Seiten.
Und er ist derjenige Turm, der die tiefste Geschichte trägt: das 10 Meter tiefe Verlies, die Legende des unglücklichen Zimmermanns, der Spottname «Kumuff». Kurz: Er ist der mit dem grössten Erzählpotenzial unter allen elf.
Foto-Tipps
Beste Tageszeit: Am frühen Morgen, wenn die Aare ruhig ist und der Turm sich im Wasser spiegelt. Am Abend, besonders beim Openair-Kino im August, strahlt die Schanze in einem ganz besonderen Licht.
Bester Standpunkt: Von der Wengibrücke nach Süden, das schiefe Dach und die Aareufer-Lage kommen perfekt zur Geltung. Vom Ritterquai (Nordufer) mit dem Turm am anderen Ufer. Auf der Schanze selbst: Kanonen im Vordergrund, Turm dahinter, ein starkes militärhistorisches Motiv.
Besonderer Tipp: Im August beim Sommerfilm-Openair, Leinwand, Kerzenlicht, historische Kanonen und der Krummturm im Hintergrund. Ein Foto-Erlebnis, das man nicht plant, sondern erlebt.
Anreise & Kombination
Zu Fuss vom Bahnhof: Ca. 10 Minuten, Hauptgasse, Wengibrücke über die Aare, dann am Ritterquai entlang nach Westen.
Bus: Haltestelle «Solothurn, Wengibrücke» oder «Solothurn, Kreuzackerbrücke».
Parkplätze: Im Vorstadtbereich vorhanden.
Sinnvolle Kombinationen: Krummturm + Schifffahrt nach Biel ab der nahen BSG-Anlegestelle (längste Flussfahrt der Schweiz) + Spaziergang am Aareufer zurück in die Altstadt. Wer den Turm historisch einbetten möchte: Museum Altes Zeughaus (10 Minuten nördlich, über die Wengibrücke).
→ Zum Übersichtsartikel: Die 11 Türme von Solothurn
FAQ
Warum heisst er Krummturm, wenn er gar nicht krumm ist?
Der Turm selbst ist gerade — aber sein Dach wirkt von den meisten Seiten schief. Das liegt am unregelmässigen Fünfeck-Grundriss, der eine optisch verdrehte Dachkonstruktion erzwingt. Der Name «Krummturm» ist also irreführend: gemeint ist das schiefe Dach, nicht ein schiefer Turm.
Was ist die Krummturmlegende?
Eine tragische Liebesgeschichte: Ein Zimmermann verliebte sich in die Tochter des Baumeisters. Der Vater übergab ihm die unlösbare Aufgabe, ein regelmässiges Dach auf einem unregelmässigen Fünfeck zu bauen — mit dem Versprechen, ihn zu erhören, wenn er es schaffe. Der verzweifelte Zimmermann erkannte die Unmöglichkeit und stürzte sich in die Aare. Die empörten Bürger warfen den Baumeister in sein eigenes Verlies.
Was ist das «Kumuff»?
«Kumuff» war der ursprüngliche Spottname des Turms — abgeleitet von «Kaum auf», ein Kommentar auf den schleppenden Baufortschritt. Der Name ist in der Chronik von Franz Haffner überliefert und zeigt, dass die Solothurner ihrem neuen Turm von Anfang an mit einem Augenzwinkern begegneten.
Kann man den Krummturm besichtigen oder mieten?
Der Turm ist nicht öffentlich zugänglich, kann aber für Anlässe gemietet werden. Anfragen direkt an den Artillerieverein Solothurn (avsolothurn.vsav.info). Die Krummturmschanze ist beim jährlichen Sommerfilm-Openair im August zugänglich.
Was ist das Sommerfilm-Openair auf der Krummturmschanze?
Die «Solothurner Sommerfilme» finden jedes Jahr im August an sechs Abenden auf der Krummturmschanze statt — mit internationalen Filmperlen in einzigartiger Kulisse, neben historischen Kanonen und mit Blick auf den Turm und die Aare. Die 30. Ausgabe ist vom 18.–23. August 2026. Tickets und Programm: altesspital.ch.
Teil der Serie «Die 11 historischen Türme von Solothurn» | Quellen: Solothurn Tourismus, Wikipedia Krummturm, Artillerieverein Solothurn (avsolothurn.vsav.info), Solothurner Zeitung, mitreisend.ch, Altes Spital Solothurn

