Solothurn Brunnen - Hintergass-Brunnen

Hintergass-Brunnen Solothurn: 332 Jahre im Verborgenen

Es gibt Brunnen, die man suchen muss. Der Hintergass-Brunnen ist einer davon. Versteckt in einer Nebengasse hinter dem heutigen Warenhaus, abseits der grossen Touristenrouten, wartet er geduldig auf alle, die sich die Mühe machen, ihn zu finden. Und die Mühe lohnt sich, denn der Hintergass-Brunnen ist der privateste, intimste und zugleich geschichtsträchtigste der 11 historischen Brunnen Solothurns. Er war 332 Jahre lang ein Hofbrunnen im Hinterhof eines Patriziershauses. Erst 1960 kam er auf die Gasse und wurde damit Teil der öffentlichen Geschichte der Stadt.

📍 Lage: wo genau steht er?

Der Hintergass-Brunnen steht in der Hintergasse, einer ruhigen Nebengasse parallel zur Hauptgasse, die von aussen kaum sichtbar ist. Er befindet sich hinter dem heutigen Warenhaus (früher Manor), an der Stelle der 1952 abgebrochenen Giblinmühle. Seit 1960 steht er hier — sein vorheriger Standort war der Hinterhof eines Patriziershauses an der Hauptgasse 58.

Adresse: Hintergasse, 4500 Solothurn, hinter dem Warenhaus, Altstadt

Der Brunnen liegt nur wenige Schritte von der Hauptgasse entfernt, ist aber von dort aus nicht sichtbar. Wer ihn sucht, muss in die Hintergasse einbiegen und wird mit einem der stimmungsvollsten und ruhigsten Orte der ganzen Altstadt belohnt. Vom Hauptbahnhof zu Fuss in rund 10 Minuten.

👁️ Das Erste, was man sieht: eine Beschreibung

Der Hintergass-Brunnen ist ein Vasenbrunnen im Rokoko-Stil des späten 18. Jahrhunderts, elegant, zurückhaltend, ohne Figurenprogramm. Was man beim Hinschauen entdeckt:

  • Der Trog: ein eleganter Monolithtrog, das heisst aus einem einzigen Steinblock gehauen. Er wurde nach einer Skizze von Paolo Antonio Pisoni gefertigt, demselben Architekten, der die St.-Ursenkathedrale vollendete und das Alte Spital entwarf. Im Stein ist das Entstehungsdatum 1628 eingehauen, das Jahr, in dem der damalige Besitzer die Bewilligung für seinen Hofbrunnen erhielt.
  • Die Säule: schlanke Säule auf einem profilierten Sockel, der auf vier Kugeln ruht. Die Kugeln sind ein ungewöhnliches Detail: Sie geben dem Brunnen etwas Schwebendes, fast Spielerisches, typisch für das Rokoko des späten 18. Jahrhunderts.
  • Die vier Ausgusstüllen: vier Wassertüllen, die jeweils aus einer kleinen Vasenverzierung entspringen. Das Wasser fliesst aus vier Richtungen gleichzeitig in den Trog, ein stilles, gleichmässiges Rauschen, das die Atmosphäre der Hintergasse prägt.
  • Die Vase zuoberst: elegant geschwungen, ohne figürliche Darstellung. Keine biblische Szene, kein Heiliger, keine Allegorie. Nur die Form und das Wasser.
  • Der Sudeltrog: neben dem Haupttrog ein kleinerer Wasch- oder Sudeltrog, wie er seit dem 17. Jahrhundert bei vielen Brunnen eingeführt wurde, damit das Waschen von Wäsche, Fleisch, Kutteln oder Gemüse nicht den Trinkwasservorrat verunreinigt.

🏛️ Geschichte: 332 Jahre im Hinterhof

Die Geschichte des Hintergass-Brunnens beginnt mit einem Namen: Junker Hans Jakob Wallier. Am 14. August 1628 erhielt der Junker von der Stadt die Bewilligung zum Bau eines Brunnens im Hof seines Hauses an der Hauptgasse 58. Das Entstehungsdatum, das im Stein eingehauen ist, bezieht sich auf diese Bewilligung.

Was 1628 als privater Hofbrunnen eines Patriziershauses begann, blieb es über drei Jahrhunderte lang, verborgen hinter Mauern, nur für die Bewohner und Bediensteten des Hauses zugänglich. Kein Passant, keine Marktfrau, kein Schulkind sah ihn. Während Fischbrunnen, Gerechtigkeitsbrunnen und Simsonbrunnen das öffentliche Leben der Stadt prägten, stand der Wallier-Brunnen still und privat im Hinterhof.

Das änderte sich erst 1952: Das Haus an der Hauptgasse 58, in dessen Hinterhof der Brunnen stand, wurde abgebrochen, zusammen mit der benachbarten Giblinmühle. Der Brunnen wurde dabei aus seinem ursprünglichen Kontext herausgelöst. 1960, acht Jahre nach dem Abbruch, erhielt er seinen heutigen Standort in der Hintergasse, dort, wo die Giblinmühle gestanden hatte. Aus dem privaten Hofbrunnen wurde ein öffentlicher Stadtbrunnen. Nach 332 Jahren im Verborgenen.

✏️ Der Gestalter: Paolo Antonio Pisoni

Der Trog des Hintergass-Brunnens wurde nach einer Skizze von Paolo Antonio Pisoni (1738–1804) gefertigt, dem bedeutendsten Architekten, den Solothurn je kannte. Pisoni vollendete 1773 die St.-Ursenkathedrale (die sein Onkel Gaetano Matteo Pisoni begonnen hatte), entwarf die Freitreppe der Kathedrale, das Neue Spital und zahlreiche Stadtpaläste. Er war der Architekt der Solothurner Spätbarockzeit schlechthin.

Dass Pisoni auch den Trog eines privaten Hofbrunnens skizzierte, zeigt zweierlei: Erstens war der Bauherr kein gewöhnlicher Bürger, ein Junker, der sich Pisonis Dienste leisten konnte, gehörte zur städtischen Elite. Zweitens war Pisoni in Solothurn allgegenwärtig: Sein Einfluss reichte von der grössten Kirche der Stadt bis zum kleinsten Detail eines Privatbrunnens.

💧 Wozu diente der Brunnen früher — strenge Brunnenordnung

Als privater Hofbrunnen diente der Hintergass-Brunnen ausschliesslich dem Haushalt des Patriziershauses, Trinken, Kochen, Reinigen. Das Wasser wurde durch unterirdische Leitungen zugeführt.

Der kleine Sudeltrog neben dem Hauptbecken spiegelt die städtische Brunnenordnung des 17. Jahrhunderts wider: Ab dieser Zeit durften in Solothurner Hauptbrunnen offiziell keine Lebensmittel mehr gewaschen werden. Die Verordnung besagte explizit, dass «in den Hauptbrunnen kein Wöschen, Fleisch, Kutteln, Kabis und Grünkraut oder ander Sachen gewaschen werden» dürften. Wer dennoch erwischt wurde, musste mit einer Busse rechnen. Der Sudeltrog übernahm diese Funktion und hielt den Trinkwasservorrat rein.

🔒 Der verborgenste der 11 Brunnen

Der Hintergass-Brunnen ist der einzige der 11 historischen Brunnen, der ursprünglich ein privater Brunnen war und damit der einzige, der nicht für die Öffentlichkeit gebaut wurde. Alle anderen Brunnen der Stadt entstanden als öffentliche Trinkwasseranlagen, als Repräsentationsobjekte auf Plätzen und Gassen. Der Hintergass-Brunnen entstand für einen einzigen Junker — und verbrachte drei Jahrhunderte im Verborgenen.

Dass er überhaupt in die Liste der 11 historischen Brunnen aufgenommen wurde, ist einer glücklichen Fügung zu verdanken: Wäre das Haus an der Hauptgasse 58 nicht abgebrochen worden, stünde der Brunnen heute noch in einem Innenhof, unsichtbar für alle.

🔧 Restaurierungen

Der Hintergass-Brunnen wurde zusammen mit den anderen historischen Brunnen der Stadt im Rahmen der kantonalen Denkmalpflege restauriert. Flechtenbewuchs und Witterungseinflüsse setzen dem Kalkstein zu. Der Monolithtrog mit dem eingehauenen Datum 1628 wird dabei mit besonderer Sorgfalt behandelt, als ältestes Element des Brunnens ist er das wichtigste Zeugnis seiner Geschichte.

🔢 Der Brunnen & die Zahl Elf

Der Hintergass-Brunnen ist der versteckteste der 11 historischen Brunnen und damit derjenige, der den Brunnenbummel zu einer echten Entdeckungstour macht. Wer alle 11 Brunnen finden will, muss die Hauptgasse verlassen und in die Hintergasse einbiegen. Der Brunnen, der 332 Jahre lang im Verborgenen stand, zwingt den Besucher zu einem kleinen Umweg — und belohnt ihn mit einem der stillsten und schönsten Orte der Solothurner Altstadt.

📸 Foto-Tipps

  • Beste Zeit: Mittags oder früher Nachmittag, die Hintergasse ist schmal und bekommt direktes Licht nur um die Mittagszeit. Morgens und abends liegt der Brunnen im Schatten der umliegenden Gebäude, was eine stimmungsvolle, gedämpfte Lichtstimmung ergibt.
  • Bester Winkel: Von schräg vorne, um die vier Kugeln am Sockel und die Vasenverzierungen der Ausgüsse gleichzeitig zu zeigen. Der Brunnen ist kompakt und braucht keine grosse Distanz.
  • Detail: Das eingehauene Datum 1628 im Trog, ein Fingerzeig in die Geschichte des Junkers Wallier, gut lesbar und selten fotografiert.
  • Atmosphäre: Die ruhige Hintergasse mit dem leisen Plätschern des Wassers ist ein Bild für sich, ohne Touristen, ohne Verkehr, ohne Markttrubel. Der intimste Moment des Brunnenbummels.

🚌 Anreise & Kombination

  • Zu Fuss vom Bahnhof: ca. 10 Minuten durch die Hauptgasse, dann in die Hintergasse abbiegen
  • Bus: Haltestelle Kronenplatz, dann 5 Minuten zu Fuss
  • Tipp: Den Brunnen am besten als Teil des offiziellen Brunnenbummels suchen, die Broschüre von Solothurn Tourismus zeigt den genauen Standort. Wer ihn ohne Karte findet, hat den Brunnenbummel bestanden.
  • Kombination: In 3 Minuten zum Fischbrunnen auf dem Marktplatz, in 5 Minuten zum Gerechtigkeitsbrunnen. Der Hintergass-Brunnen liegt im Zentrum der Brunnentour, ein perfekter Zwischenstopp.

❓ Häufige Fragen

Wo steht der Hintergass-Brunnen genau?

In der Hintergasse, hinter dem heutigen Warenhaus, an der Stelle der 1952 abgebrochenen Giblinmühle. Er ist von der Hauptgasse aus nicht sichtbar und muss aktiv gesucht werden, was ihn zur kleinen Entdeckung des Brunnenbummels macht.

Warum war der Hintergass-Brunnen früher nicht öffentlich?

Der Brunnen wurde 1628 als privater Hofbrunnen für Junker Hans Jakob Wallier gebaut, er stand über 332 Jahre im Hinterhof seines Hauses an der Hauptgasse 58. Erst nach dem Abbruch des Hauses 1952 wurde er 1960 an seinen heutigen öffentlichen Standort in der Hintergasse versetzt.

Wer hat den Trog des Hintergass-Brunnens entworfen?

Der Monolithtrog wurde nach einer Skizze von Paolo Antonio Pisoni gefertigt, dem Architekten der St.-Ursenkathedrale, der Freitreppe und zahlreicher Stadtpaläste in Solothurn. Er war der bedeutendste Architekt der Solothurner Spätbarockzeit.

Was bedeutet das Datum 1628 im Stein des Brunnens?

Das Datum 1628 steht im Zusammenhang mit der Bewilligung, die Junker Hans Jakob Wallier am 14. August 1628 für den Bau eines Brunnens im Hof seines Hauses erhielt. Es ist das Gründungsdatum des Brunnens und macht ihn nach dem Gerechtigkeitsbrunnen-Trog von 1589 zum ältestdatierten Brunnenelement in seinem Kontext.

Was ist ein Sudeltrog?

Ein Sudeltrog ist ein kleines Nebenbecken neben dem Hauptbrunnen, das im 17. Jahrhundert eingeführt wurde, um das Waschen von Lebensmitteln und Wäsche vom Trinkwasser zu trennen. Die Solothurner Brunnenordnung verbot explizit, Fleisch, Kutteln, Kabis oder Wäsche im Hauptbrunnen zu waschen. Der Sudeltrog übernahm diese Funktion.

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