Geschichte des Spitals in Solothurn — 670 Jahre Stadtgeschichte

Über 670 Jahre Geschichte stecken in den Mauern des Alten Spitals an der Aare. Von der mittelalterlichen Armenherberge über das päpstliche Machtwort, die Grauen Schwestern aus dem Jura und den Architekten der St.-Ursen-Kathedrale bis zum drohenden Abbruch in den 1970er Jahren: Die Geschichte des Spitals in Solothurn ist eine der faszinierendsten Stadtgeschichten überhaupt.

Wer wissen möchte, was das Alte Spital heute zu bieten hat, findet alle aktuellen Infos im Beitrag zum heutigen Angebot des Alten Spitals. Alles zum modernen Bürgerspital auf dem Schöngrünhügel gibt es im Beitrag zum Bürgerspital Solothurn.


Die ersten Spuren im 14. Jahrhundert

Wann genau in Solothurn das erste Spital stand, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Genaue Hinweise in Urkunden finden sich erst im 14. Jahrhundert. Zwei Institutionen betrieben damals je eine eigene Einrichtung: die Bürgergemeinde in der «minderen Stadt» südlich der Aare, und das St.-Ursen-Stift in der «mehren Stadt» nördlich der Aare. Das Wort «Spital» meinte damals noch etwas ganz anderes als heute. Ein mittelalterliches Hospital war kein Ort der medizinischen Behandlung, sondern eine Einrichtung umfassender Fürsorge: Kranke, Arme, Waisen, Pilger, Handwerker auf Wanderschaft und Bettler lebten unter demselben Dach.

Die Pest von 1350 und der Beschluss zum gemeinsamen Spital

Im Jahr 1350 wütete die Pest in Europa mit einer Brutalität, die keine Region verschonte. Die beiden Solothurner Spitäler wurden an ihre Grenzen getrieben und an den Rand des finanziellen Ruins gebracht. In dieser Notlage einigten sich Bürgergemeinde und St.-Ursen-Stift: Sie würden ein gemeinsames Spital bauen, südlich der Aare. Was einfach klang, war in der Praxis ein jahrzehntelanger Streit. Wem sollte die Kapelle gehören? Welches Pfarrrecht galt? Wer hatte die Verwaltungshoheit? Der Streit zog sich über Jahrzehnte hin.

1375: Die Gugler zerstören das Spital

Mitten in diesem ungeklärten Zustand traf die Stadt ein weiterer Schlag. 1375 fielen die Gugler in die Schweiz ein: Söldnertruppen unter der Führung von Enguerrand VII. de Coucy, die plündernd und sengend durch das Mittelland zogen. Das Solothurner Spital der Bürgergemeinde wurde in Schutt und Asche gelegt. Ein Neubau war nötig, aber wegen des Verwaltungsstreits immer noch nicht möglich.

1418: Papst Martin V. spricht ein Machtwort

Die Lösung kam von ganz oben. Im Jahr 1418 befand sich Papst Martin V. auf dem Rückweg vom Konzil von Konstanz, wo er das Abendländische Schisma beendet hatte. Auf seiner Reise durch das Mittelland machte er Station in Solothurn. Der Stadtrat legte ihm den jahrzehntealten Streit vor. Papst Martin V. fällte ein Urteil: Das neue Bürgerspital sollte eine öffentliche Kapelle erhalten, wie die weltliche Politik wünschte. Diese Kapelle sollte aber dem Pfarrrecht des Stifts zu St. Urs und Viktor unterstellt sein, wie die Kirche verlangte. Anschliessend erliess er die Stiftungsurkunde. Zwei Jahre später, 1420, konnte die Bürgergemeinde das neue «Spittel» in der Vorstadt neben der Aarebrücke bauen.

1466: Niklaus Wengi und die Weingüter am Bielersee

Das neue Bürgerspital brauchte eine stabile Finanzierung. Diese kam 1466 von Schultheiss Niklaus von Wengi, der dem Bürgerspital testamentarisch seine Weingüter am Bielersee vermachte. Es war eine Schenkung von epochaler Bedeutung. Das Bürgerspital kam damit in den Besitz erstklassiger Rebflächen, die die Institution über Jahrhunderte mitfinanzierten. Diese Weingüter sind bis heute in Betrieb: die «Domaine de Soleure» am Bielersee, heute unter der Schirmherrschaft der Bürgergemeinde Solothurn. Eine direkte Linie von 1466 bis in die heutigen Weinregale.

Bereits kurz nach der Gründung betrieb die Bürgergemeinde in der Vorstadt einen zweiten Spitalkomplex: 1465 wurde ein weiteres Spital errichtet, das später als «Wengi-Spital» bekannt war und schliesslich als Waisenhaus diente.

Das mittelalterliche Spital als soziale Gesamtinstitution

Wer im mittelalterlichen Solothurner Spital untergebracht war, musste nicht krank sein. Das Hospital nahm auf: Kranke ohne Aussicht auf Heilung, alte Menschen ohne Angehörige, Waisen und Findelkinder, Arme und Obdachlose, durchreisende Pilger, Handwerker auf Wanderschaft und Bettler. Die Kapelle neben dem Spital war kein Luxus, sondern ein Kernelement: Religiöse Begleitung und Sterbebetreuung gehörten zur Spitalpflege. Ab 1509 ist in Solothurn erstmals ein Stadtarzt erwähnt.

16. und 17. Jahrhundert: Um- und Anbauten

Im 16. und 17. Jahrhundert wurden die Spitalbauten laufend an- und umgebaut. Ab 1726 zwangen Baufälligkeit und Platzmangel zu einem grösseren Neubau. Das Spital wurde in ein oberes und ein unteres Hospital aufgeteilt, im unteren entstand eine eigene Anstalt für Waisen. 1734 zerstörte ein Brand die Kirche und grosse Teile des Spitals. Der Wiederaufbau umfasste Schwesternhaus, Kirche und Spitalgebäude unter einem gemeinsamen Dach.

Pisoni baut das Alte Spital

1765 diskutierte der Stadtrat eine Erweiterung und beauftragte den Architekten Paolo Antonio Pisoni mit der Planung. Das ist derselbe Pisoni, dessen Onkel Gaetano Matteo Pisoni die St.-Ursen-Kathedrale entworfen hatte. Solothurn hat damit das seltene Privileg, dass beide wichtigsten Bauwerke seiner Blütezeit im 18. Jahrhundert aus der Hand derselben Architektenfamilie stammen. Die erste Bauphase von Pisonis Spitalprojekt wurde zwischen 1784 und 1788 ausgeführt, der Gesamtbau war 1800 abgeschlossen. Das Ergebnis ist das Gebäude, das wir heute als Altes Spital kennen. Die Pläne sind noch heute im Archiv der Bürgergemeinde Solothurn aufbewahrt.

1788: Die Grauen Schwestern kommen nach Solothurn

Das Solothurner Spital hatte zu dieser Zeit keinen besonders guten Ruf. Als der Stadtrat 1784 die Modernisierung plante, wandte er sich an die Spitalschwestern-Gemeinschaft von Pruntruy im Jura. Diese leiteten das dortige Hôtel-Dieu und genossen einen ausgezeichneten Ruf. Die Schwestern erklärten sich bereit, fünf Solothurnerinnen auszubilden. Am 1. März 1788 kehrten diese fünf Frauen fertig ausgebildet nach Solothurn zurück und übernahmen den Betrieb. Als erste Oberin wurde am 22. Juni 1788 Maria Magdalena Graf gewählt. Die Herkunft der Schwestern lässt sich bis ins berühmte Hôtel-Dieu in Beaune zurückverfolgen, gegründet 1443 vom burgundischen Kanzler Nicolas Rolin.

Die historische Spitalapotheke von 1788

Die Spitalschwestern stellten die von den Ärzten verschriebenen Medikamente selbst her und benötigten dafür eine gut ausgestattete Apotheke. 1788 baute Schreiner Xaver Kieffer die Möbel. 1789 bemalte Kunstmaler Felix Joseph Wirz die Schubladen und Glasgefässe mit Schriftbändern und Kartuschen in lateinischer Schrift. Das Ergebnis war ein Raum, der bis heute fasziniert: dunkles Holz, goldbeschriftete Flaschen und Dosen, eine Raritätensammlung an pharmazeutischen Schriften. SRF bezeichnete sie als «Harry-Potter-Apotheke von Solothurn». Die Apotheke sollte auch Eindruck machen und Vertrauen wecken, denn das Spital hatte noch keinen guten Ruf. 2020 kehrte sie als Geschenk der Spitalschwestern in ihr ursprüngliches Zuhause im Alten Spital zurück.

1930: Umzug auf den Spitalhügel

Das 19. und frühe 20. Jahrhundert brachten eine rasante Bevölkerungszunahme. 1909 kaufte der Bürgerrat den Schöngrünhof und gründete eine Spitalbaukommission. Über 90 Entwürfe gingen bei der Plankonkurrenz ein. Nach dem Ersten Weltkrieg und langen Verzögerungen erfolgte 1926 der Spatenstich. 1930 eröffnete die Bürgergemeinde ihr neues, 4,64 Millionen Franken teures Spital auf dem Schöngrünhügel. Das Alte Spital verlor damit seine ursprüngliche Funktion und verfiel zusehends. Anfangs der 1970er Jahre drohte der Abbruch. Eine Petition des Gemeinderates rettete das Gebäude. Eine Spezialkommission entwickelte ein Nutzungskonzept, und schrittweise wurde das Haus zum heutigen Kultur- und Begegnungszentrum umgebaut.

1956 bis 2021: Vom Bürgerträgerspital zum Kantonsneubau

Kamen 1929 noch 1681 Patientinnen und Patienten ins neue Bürgerspital, waren es 1945 bereits 4285. 1956 konnte die Bürgergemeinde den Betrieb nicht mehr alleine finanzieren und gab die Mehrheit in der Spitalstiftung an den Kanton ab. Damit endete ihre mehr als 500-jährige Rolle als alleinige Trägerin. 1974 folgte ein Neubau für 62,5 Millionen Franken, 2006 die Gründung der Solothurner Spitäler AG, 2012 die Volksabstimmung für den heutigen Neubau (65,1% Ja-Stimmen, 340 Millionen Franken) und 2021 die Eröffnung des ersten Minergie-Eco-Spitals der Schweiz. Das alte Bettenhochhaus wurde 2022 rückgebaut.

670 Jahre in einer Linie

Was diese Geschichte so bemerkenswert macht, ist die Kontinuität: Vom ersten urkundlichen Hinweis im 14. Jahrhundert bis zum Neubau 2021 zieht sich eine direkte Linie durch mehr als 670 Jahre Stadtgeschichte. Das Spital in Solothurn war immer da. Es hat Pest und Gugler überlebt, päpstliche Machtkämpfe und Jahrhundertbrände, zwei Weltkriege und eine Volksabstimmung. Die schwere Holztüre am Oberen Winkel 2 ist dieselbe Adresse, an der Pilger im Mittelalter um Unterkunft baten. Heute bucht man dort einen Tisch im Sommergarten oder ein Konzertticket für die Acoustic Nights.


Zeitleiste

14. Jh.Erste urkundliche Hinweise auf Spitäler in Solothurn
1350Pest treibt beide Spitäler an den finanziellen Rand
1375Gugler zerstören das Bürgerspital
1418Papst Martin V. erlässt die Stiftungsurkunde
1420Neubau des Bürgerspitals in der Vorstadt
1465Zweites Spital (später Wengi-Spital / Waisenhaus)
1466Niklaus von Wengi vermacht die Weingüter am Bielersee
1509Erster Stadtarzt in Solothurn erwähnt
1726Erweiterungsneubau, oberes und unteres Spital
1734Brand zerstört Kirche und grosse Teile des Spitals
1784Architekt Paolo Antonio Pisoni erhält Planungsauftrag
1788Graue Schwestern übernehmen Pflege, Spitalapotheke entsteht
1800Bau des heutigen Alten Spitals abgeschlossen
1930Umzug auf den Schöngrünhügel
1956Kanton übernimmt Mehrheit in der Spitalstiftung
1974Neubau Bürgerspital für 62,5 Mio. Franken eröffnet
1970erAltes Spital wird Kulturzentrum statt abgerissen
2006Gründung der Solothurner Spitäler AG
2012Volksabstimmung: 65,1% Ja zum Neubau
2021Neubau Bürgerspital eröffnet, erstes Minergie-Eco-Spital der Schweiz
2022Rückbau des alten Bettenhochhauses

FAQ

Wann wurde das Spital in Solothurn gegründet?

Die ersten urkundlichen Hinweise stammen aus dem 14. Jahrhundert. Die offizielle Gründung des Bürgerspitals geht auf 1418 zurück, als Papst Martin V. auf dem Rückweg vom Konzil von Konstanz die Stiftungsurkunde erliess.

Was ist die Domaine de Soleure?

Die Weingüter am Bielersee, die Schultheiss Niklaus von Wengi dem Bürgerspital 1466 testamentarisch vermachte. Sie finanzierten das Spital über Jahrhunderte. Heute sind sie unter der Schirmherrschaft der Bürgergemeinde Solothurn.

Was hat Architekt Pisoni mit dem Spital zu tun?

Paolo Antonio Pisoni, Neffe des Kathedralenarchitekten Gaetano Matteo Pisoni, entwarf Ende des 18. Jahrhunderts die Pläne für den Spitalneubau. Das heutige Alte Spital geht auf diese Pisoni-Pläne zurück. Solothurns zwei grösste Bauwerke der Epoche stammen von derselben Architektenfamilie.

Wer waren die Grauen Schwestern?

Eine Spitalschwestern-Gemeinschaft aus Pruntruy im Jura, deren Ursprünge bis ins berühmte Hôtel-Dieu in Beaune zurückreichen. Sie übernahmen ab 1. März 1788 Betrieb und Pflege im Alten Spital und prägten die Institution über 200 Jahre. Erste Oberin war Maria Magdalena Graf.

Warum wurde das Alte Spital nicht abgerissen?

Nach dem Umzug auf den Schöngrünhügel 1930 stand das Alte Spital leer und verfiel. Anfangs der 1970er Jahre drohte der Abbruch. Eine Petition des Solothurner Gemeinderates rettete das Gebäude. Eine Spezialkommission entwickelte ein Nutzungskonzept, und das Haus wurde zum heutigen Kultur- und Begegnungszentrum umgebaut.


Quellen: Solothurner Zeitung, Kanton Solothurn, altesspital.ch, museumblumenstein.ch, myswitzerland.com, bgs-so.ch, srf.ch, dewiki.de

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