Solothurn Brunnen - Gerechtigkeitsbrunnen

Gerechtigkeitsbrunnen Solothurn: Justitia, Kaiser & Sultan

Er ist der eindrücklichste der 11 historischen Brunnen Solothurns — und einer, der einem nicht loslässt. Der Gerechtigkeitsbrunnen steht an der Ecke Haupt- und Pfisterngasse in der Altstadt und zeigt ein Bild, das so nur in Solothurn existiert: Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit, mit verbundenen Augen, Richtschwert und Waage — und zu ihren Füssen der Papst, der Kaiser, der türkische Sultan und der Schultheiss. Die Gerechtigkeit gilt für alle. Und der Papst legt dem Sultan dabei fast freundschaftlich den Arm auf die Schulter.

📍 Lage — wo genau steht er?

Der Gerechtigkeitsbrunnen steht an der Ecke Haupt- und Pfisterngasse — mitten im Herz der Solothurner Altstadt, nur wenige Schritte vom Zeitglockenturm und vom Fischbrunnen auf dem Marktplatz entfernt. Er befindet sich nahe beim römischen Kern der Stadt — an einem Ort, an dem seit der Antike Stadtleben stattfindet.

Adresse: Ecke Hauptgasse / Pfisterngasse, 4500 Solothurn — Altstadt

Der Brunnen ist von der Hauptgasse aus direkt sichtbar und liegt auf der klassischen Spazierstrecke zwischen Zeitglockenturm und Kronenplatz. Zu Fuss vom Bahnhof: ca. 10 Minuten. An Markttagen (Mittwoch und Samstag) liegt er direkt an der belebten Marktzone.

👁️ Das Erste, was man sieht — eine Beschreibung

Der Gerechtigkeitsbrunnen ist ein hoher Figurenbrunnen auf einem eleganten Monolithbecken. Was man beim Hinschauen entdeckt:

  • Das Becken — ein grosses, elegantes Monolithbecken aus einem einzigen Steinblock, ruhend auf einem klassischen Sockel. Das Becken stammt aus dem Jahr 1789 und wurde nach einer Zeichnung von Paolo Antonio Pisoni gestaltet — demselben Architekten, der auch das Alte Spital und die St.-Ursenkathedrale vollendete. Daran angefügt ist ein kleineres Sudelbecken zum Schwemmen von Gefässen.
  • Die Säule — schmal, elegant, mit klassischer Profilierung. Laurent Perroud schuf sie 1561 zusammen mit der Figur — aus einem Stein, der für feinste Bildhauerarbeit geeignet war, den Solothurn selbst nicht liefern konnte.
  • Die Halbfiguren am Fuss der Säule — hier beginnt das Programm: vier Figuren, die die weltliche und geistliche Macht ihrer Zeit verkörpern. Der deutsche Kaiser mit Krone und Szepter. Der Papst mit der Tiara. Der türkische Sultan mit Schnurrbart und Krummsäbel. Und der solothurnische Schultheiss mit goldener Halskette — wohl nicht ganz ebenbürtig gemeint.
  • Die Figur zuoberstFrau Justitia. Die Augen verbunden. In der rechten Hand ein Richtschwert, in der linken eine Waage. Rund, lebenssicher, würdevoll — eine der besten Brunnenfiguren der Schweizer Renaissance.

🏛️ Geschichte — vom «Sinnbrunnen» zum Gerechtigkeitsbrunnen

Die Geschichte des Gerechtigkeitsbrunnens ist älter als sein heutiges Erscheinungsbild. Bereits 1395 war an diesem Standort ein Brunnen erwähnt — unter dem Namen «Sinnbrunnen». Der Name hatte nichts mit philosophischen Sinnen zu tun: Er bezeichnete den Ort, an dem der städtische Eichmeister Masse und Gefässe amtlich eichte und visierte. Der «Sinn» war das Mass — und der Brunnen war der offizielle Eichort der Stadt.

Im 16. Jahrhundert, in der Blütezeit der Ambassadorenstadt Solothurn, wurde der Brunnen grundlegend erneuert. 1561 schuf Laurent Perroud die neue Säule, das Kapitell und die Figur — und aus dem praktischen Sinnbrunnen wurde der prachtvolle Gerechtigkeitsbrunnen.

1789 erhielt der Brunnen sein heutiges Becken, gestaltet nach einer Zeichnung von Paolo Antonio Pisoni und ausgeführt von Steinmetz Josef Müller. Pisoni — derselbe Architekt, der kurz zuvor die Kathedrale fertiggestellt hatte — gab dem Becken seine klassizistische Eleganz.

👤 Der Bildhauer: Laurent Perroud — der Meister

Der Gerechtigkeitsbrunnen ist das dritte und letzte grosse Werk, das Laurent Perroud aus dem neuenburgischen Cressier (damals Grissach) in Solothurn schuf. Bereits 1548 hatte er den Simson-Brunnen und den Georgs-Brunnen vollendet — dreissig Jahre dauerte die Zusammenarbeit zwischen der Stadt und dem besten Bildhauer der Region.

Perroud stammte aus der Franche-Comté und hatte sich im Kanton Neuenburg eingebürgert. Seine Werke stehen in Neuenburg, Biel, Delsberg, Le Landeron, Moudon, Porrentruy — und eben dreifach in Solothurn. Sein Sohn Jacques Perroud würde später den Fischbrunnen auf dem Marktplatz schaffen und damit die Familien-Tradition fortführen.

Für die Darstellung der Justitia orientierte sich Perroud an der rund 20 Jahre älteren Brunnenfigur in Bern — dem berühmten Gerechtigkeitsbrunnen auf dem Berner Gerechtigkeitsplatz. Die Figur in Solothurn ist jedoch eigenständig und in ihrer Qualität ebenbürtig.

⚖️ Was bedeutet die Figur? — Justitia und ihre vier Begleiter

Justitia ist die Personifikation der Gerechtigkeit — eine Figur, die seit der römischen Antike bekannt ist und in der Renaissance zu einer der beliebtesten Brunnenmotive wurde. Die Symbolik ist klar:

  • Die verbundenen Augen — die Gerechtigkeit ist blind gegenüber Stand, Herkunft und Reichtum. Sie urteilt unparteiisch.
  • Das Richtschwert in der rechten Hand — die Macht, Recht durchzusetzen und Strafe zu verhängen.
  • Die Waage in der linken Hand — das Abwägen von Schuld und Unschuld, Strafe und Gnade.

Die vier Halbfiguren zu ihren Füssen sind das politische Statement des Brunnens — und das eigentlich Faszinierende. Sie zeigen die grössten Machthaber der damaligen Welt:

  • Der deutsche Kaiser (mit Krone und Szepter) — weltliche Macht im Westen
  • Der Papst (mit Tiara) — geistliche Macht
  • Der türkische Sultan (mit Schnurrbart und Krummsäbel) — weltliche Macht im Osten
  • Der solothurnische Schultheiss (mit goldener Halskette) — der lokale Machthaber, der sich hier in illustre Gesellschaft eingereiht hat

Die Botschaft: Die Gerechtigkeit steht über allen — über Papst, Kaiser, Sultan und Schultheiss gleichermassen. Und die subtile Ironie: Perroud lässt den Papst fast freundschaftlich den Arm auf die Schulter des Sultans legen — zwei Erzfeinde in einer unfreiwillig vertrauten Pose.

💧 Wozu diente der Brunnen früher?

Wie alle historischen Brunnen Solothurns war der Gerechtigkeitsbrunnen ursprünglich ein Trinkwasserbrunnen. Das Sudelbecken neben dem Hauptbecken diente zum Reinigen von Gefässen — und früher, als der Brunnen noch «Sinnbrunnen» hiess, zum amtlichen Eichen von Massen und Hohlmassen durch den städtischen Eichmeister.

Das Wasser wurde durch unterirdische Holzleitungen aus Quellen nördlich der Stadt zugeführt. Die Brunnen waren streng reguliert: Wäschewaschen war verboten, Tiere durften nicht direkt trinken, und wer den Brunnen beschädigte, wurde bestraft.

🔓 Diebstahl 2022 — Justitia merkt es nicht

Im April 2022 spielte sich am Gerechtigkeitsbrunnen eine Geschichte ab, die ganz Solothurn beschäftigte: Unbekannte kletterten auf den rund vier Meter hohen Brunnen und stahlen den vergoldeten Krummsäbel des türkischen Sultans und das vergoldete Zepter des Schultheiss — beide aus vergoldetem Messing, Wert mehrere tausend Franken.

Die Tat «hinter dem Rücken der Justitia» — so formulierte es die Presse — blieb ungesühnt: Die Täterschaft wurde nie gefasst, die Originale nie gefunden. Der kantonale Denkmalpfleger Stefan Blank nannte es eine «masslose Respektlosigkeit» gegenüber einem historischen Kulturdenkmal. Im Oktober 2022 wurden Krummsäbel und Zepter nachgefertigt und wieder am Brunnen befestigt. Es war nicht der erste Diebstahl: 2003 war bereits die Waage der Justitia gestohlen worden, und beim letzten Umbau 2017 mussten Säbel und Zepter schon einmal ersetzt werden.

🔧 Restaurierungen — ständige Pflege seit Jahrhunderten

Der Gerechtigkeitsbrunnen gehört zu den am intensivsten gepflegten Denkmälern der Stadt. In den letzten Jahren wurden im Rahmen der kantonalen Denkmalpflege Säule, Figur und Kapitell umfassend restauriert — zusammen mit dem Simson-, Georgs-, Mauritius- und Fischbrunnen. Die Farbfassung wurde untersucht und wo nötig erneuert, die Steinsubstanz gefestigt.

Die grössten Feinde der Brunnen sind Flechtenbewuchs, Vogelexkremente, Frost und gelegentlicher Vandalismus. Die Restaurierungen geschehen in enger Abstimmung zwischen der Stadtarchäologie und der Denkmalpflege des Kantons Solothurn.

🔢 Der Brunnen & die Zahl Elf

Der Gerechtigkeitsbrunnen ist der zweite der 11 historischen Brunnen auf dem offiziellen Brunnenbummel. Er vervollständigt mit dem Fischbrunnen das Zentrum der Altstadt — zwei Brunnen, die zusammen den Kern des öffentlichen Solothurner Lebens seit dem 16. Jahrhundert markieren. Beide sind Werke der Familie Perroud — Vater und Sohn, über dreissig Jahre hinweg.

📸 Foto-Tipps

  • Beste Zeit: Morgens zwischen 8 und 10 Uhr — weiches Licht in der Hauptgasse, keine Touristenmassen. An Markttagen mit belebter Kulisse.
  • Bester Winkel: Von der Pfisterngasse aus schräg — so bekommt man Brunnen und Barockfassaden gleichzeitig ins Bild. Für die Figuren am Fuss von unten leicht schräg, um Kaiser, Papst, Sultan und Schultheiss einzeln zu zeigen.
  • Detail: Die vier Halbfiguren am Fuss der Säule — jede einzeln fotografieren. Die ironische Körpersprache (Papst und Sultan Schulter an Schulter) ist ein Bild für sich.
  • Abend: Die beleuchtete Säule mit dem Schatten von Justitia auf den Barockfassaden wirkt sehr stimmungsvoll.

🚌 Anreise & Kombination

  • Zu Fuss vom Bahnhof: ca. 10 Minuten durch die Hauptgasse
  • Bus: Haltestelle Kronenplatz, dann 3 Minuten zu Fuss
  • Kombination: Nur 2 Minuten vom Fischbrunnen auf dem Marktplatz. Weiter in 5 Minuten zum Simson-Brunnen auf dem Friedhofplatz — alle drei Perroud-Brunnen an einem Spaziergang.

❓ Häufige Fragen

Was zeigt der Gerechtigkeitsbrunnen in Solothurn?

Der Brunnen zeigt oben Frau Justitia mit verbundenen Augen, Richtschwert und Waage. Zu ihren Füssen gruppierten sich vier Halbfiguren: der deutsche Kaiser, der Papst, der türkische Sultan und der solothurnische Schultheiss — die Machthaber der damaligen Welt, alle der Gerechtigkeit unterworfen.

Wer hat den Gerechtigkeitsbrunnen gebaut?

Säule, Kapitell und Figur wurden 1561 von Laurent Perroud aus Cressier NE geschaffen — dem bedeutendsten Bildhauer der Solothurner Brunnen, der auch Simson- und Georgs-Brunnen schuf. Das heutige Becken stammt von 1789, gestaltet nach Plänen von Paolo Antonio Pisoni.

Warum heisst er Gerechtigkeitsbrunnen?

Wegen der Figur der Justitia auf der Brunnensäule. Früher hiess er «Sinnbrunnen» — weil hier der städtische Eichmeister Masse und Gefässe amtlich eichte. Seit der Erneuerung von 1561 steht die Gerechtigkeit symbolisch über dem Brunnen.

Was wurde 2022 vom Brunnen gestohlen?

Im April 2022 stahlen Unbekannte den vergoldeten Krummsäbel des türkischen Sultans und das vergoldete Zepter des Schultheiss — beides aus Messing, Wert mehrere tausend Franken. Die Täterschaft wurde nie gefasst. Die Objekte wurden nachgefertigt und im Oktober 2022 wieder am Brunnen befestigt.

Was ist der Unterschied zwischen dem Solothurner und dem Berner Gerechtigkeitsbrunnen?

Perroud orientierte sich 1561 an der rund 20 Jahre älteren Berner Justitia-Figur. Die Solothurner Figur ist jedoch eigenständig und in ihrer Qualität ebenbürtig. Das politische Programm am Fuss der Säule — mit Papst, Kaiser, Sultan und Schultheiss — ist eine eigene, lokale Aussage.

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