Am Börsenplatz, dort wo die Hauptgasse in den Stalden übergeht, steht ein Brunnen, der mehr Dramatik in sich trägt als die meisten. Der Georgs-Brunnen zeigt eine Szene in drei Figuren auf engstem Raum: Ein Ritter zu Pferd, ein feuerspeiender Drache darunter und eine Königstochter, die auf ihre Rettung wartet. Laurent Perroud schuf diese Komposition 1548, sein erstes vollendetes Kunststück in Solothurn, im selben Jahr wie den Simson-Brunnen. Und der Brunnen hat seither eine bewegte Geschichte hinter sich: Er stand nicht immer dort, wo er heute steht.
📍 Lage: wo genau steht er?
Inhaltsverzeichnis
Der Georgs-Brunnen steht heute auf dem Börsenplatz, einem kleinen Platz am Übergang von der Hauptgasse in den Stalden, nahe der Barfüssergasse und dem Gerechtigkeitsbrunnen. Er liegt damit im östlichen Teil der Altstadt, unweit der St.-Ursenkathedrale.
Adresse: Börsenplatz (früher Kornmarkt), 4500 Solothurn, Übergang Hauptgasse / Stalden, Altstadt
Vom Hauptbahnhof zu Fuss in rund 12 Minuten erreichbar. Der Börsenplatz liegt etwas abseits der grossen Touristenroute und ist deshalb ruhiger, ideal, um den Brunnen in Ruhe zu entdecken. Der Gerechtigkeitsbrunnen ist von hier aus in nur 3 Minuten erreichbar.
👁️ Das Erste, was man sieht: eine Beschreibung
Der Georgs-Brunnen ist handwerklich der komplexeste der Solothurner Renaissance-Brunnen: Auf engstem Raum hat Laurent Perroud eine dreiteilige Figurengruppe komponiert, die aus jedem Winkel eine andere Geschichte erzählt.
- Das Becken: ein ovales, kreuzförmig erweitertes Monolithbecken aus einem einzigen Stück Jurakalkstein. Das ist die Besonderheit des Georgs-Brunnens: Der Trog wurde aus einem einzigen, gewaltigen Block herausgehauen. Die beiden Ausgussröhren sind an ihren Ausläufen mit Wolfskopf-Ornamenten verziert ein kraftvolles, wildes Detail.
- Die Säule: zweiteilig: ein gerader, kannelierter Unterteil, der in eine stark ausgebuchtete Partie übergeht, die aus spiralig gedrehten Rundstäben gebildet wird. Das spätgotisch inspirierte Kapitell krönt die Säule mit einem überhängenden Baldachin und an den vier Ecken unterbrechen Delfine die aufgerollten Bandrollen. Über dem Wasserspiegel: musizierende Engel am Kapitell, ein himmlischer Chor als Rahmen für den irdischen Kampf.
- Die Figurengruppe: zuoberst, auf kleinstem Raum, drei Figuren: Der Heilige Georg hoch zu Ross, im Panzerkleid, mit Lanze. Darunter der Drache, zu Boden gestürzt, durchbohrt. Und daneben die Königstochter, gerettet, kniend. Eine Komposition, die Perrouds Meisterschaft in aller Deutlichkeit zeigt.
🏛️ Geschichte: von der Gurzelngasse auf den Börsenplatz
Der Georgs-Brunnen stand nicht immer an seinem heutigen Ort. 1548 schuf Laurent Perroud die Figuren und die Säule, ursprünglich für einen Standort an der Gurzelngasse, der belebten Verbindung zwischen Marktplatz und Hauptgasse. Dort stand der Brunnen über zwei Jahrhunderte lang.
Im Winter 1779/80 musste er weichen. Der Brunnentrog war undicht geworden, ein damals häufiges Problem bei den aus Steinplatten gefügten Becken. Anstatt den alten Trog zu reparieren, entschied die Stadt, den ganzen Brunnen zu versetzen: Säule, Kapitell und Georgsfigur wanderten an den heutigen Börsenplatz (früher Kornmarkt), und ein neuer, monolithischer Trog aus einem einzigen Stück Jurakalkstein wurde angefertigt. Der alte Brunnentrog von 1780 aus der Gurzelngasse fand beim Fischbrunnen auf dem Marktplatz eine Weiterverwendung, ein Stück der Georgs-Geschichte ist also noch heute auf dem Marktplatz zu sehen.
Zum Zeitpunkt der Versetzung führte man auch eine neue, kräftige Farbfassung aus. Das erledigte ein Maler namens H. B. Diemer und die Stadtchronisten notierten dazu eine Anekdote, die bis heute überliefert ist: Der Maler wurde besser honoriert als der Bildhauer Laurent Perroud, der den Brunnen ursprünglich schuf. Ein Hinweis darauf, wie unterschiedlich Kunstleistungen im 18. Jahrhundert bewertet wurden.
👤 Der Bildhauer: Laurent Perroud, Meister der Dreifiguren-Komposition
Laurent Perroud aus Cressier NE schuf den Georgs-Brunnen 1548, im selben Jahr wie den Simson-Brunnen auf dem Friedhofplatz. Beide Brunnen entstanden also gleichzeitig, als die Stadt Solothurn in der Hochblüte der Ambassadorenzeit stand und sich mit repräsentativen Brunnen schmückte.
Was Perrouds Leistung beim Georgs-Brunnen besonders macht: Er musste drei Figuren auf engstem Raum zu einer stimmigen Komposition formen, Georg, Pferd, Drache und Königstochter in einem einzigen Brunnenaufsatz. Kunsthistoriker beschreiben das als seine schwierigste und zugleich gelungenste Aufgabe in Solothurn. Der Georgs-Brunnen zeigt Perroud auf dem Höhepunkt seines Könnens.
Es war das dritte und letzte Mal, dass Laurent Perroud gleichzeitig arbeitete: 1548 schuf er sowohl Simson als auch Georg, 13 Jahre später folgte der Gerechtigkeitsbrunnen. Insgesamt hinterliess er in Solothurn drei Meisterwerke, die das Bild der Altstadt bis heute prägen.
⚔️ Was bedeutet die Figur? Georg, Drache und die Königstochter
Der Heilige Georg ist einer der populärsten Heiligen des christlichen Abendlandes, Schutzpatron von England, Portugal, Georgien und vielen anderen Ländern. Seine Geschichte ist eine Legende: Georg war ein römischer Offizier, der um 286 n. Chr. als Christ hingerichtet wurde. Die berühmte Drachentöter-Geschichte stammt aus dem Mittelalter und wurde durch die «Legenda aurea» (13. Jh.) in ganz Europa verbreitet.
Die Legende: In der Stadt Silene (im heutigen Libyen) lebte ein Drache, der mit seinem Gifthauch die Luft verpestete. Die Bewohner mussten ihm täglich Schafe opfern. Als die Schafe ausgingen, wurden Menschen geopfert, bis schliesslich das Los die Königstochter traf. Als sie zum See geführt wurde, erschien Georg, schwang mit dem Zeichen des Kreuzes die Lanze und durchbohrte den Drachen. Die Bevölkerung trat daraufhin zum Christentum über.
Die Botschaft für das streng katholische Solothurn des 16. Jahrhunderts war eindeutig: Georg steht für Tapferkeit, Glauben und den Triumph des Christentums über das Böse. Als frühchristlicher, ritterlicher Märtyrer war er die ideale Figur für eine Stadt, die sich in der Gegenreformation als Bollwerk des katholischen Glaubens verstand.
In der kunsthistorischen Systematik der Solothurner Brunnen steht Georg für den frühchristlichen ritterlichen Märtyrer, neben Simson (Altes Testament) und Maurizius (Thebäische Legion) bildet er das Triptychon der kirchlichen Figuren unter den Solothurner Brunnenhelden.
💧 Wozu diente der Brunnen früher?
Der Georgs-Brunnen war wie alle historischen Solothurner Brunnen ein lebenswichtiger Trinkwasserbrunnen. Das Wasser wurde über eine Zuleitung aus nördlichen Quellen durch den vertikalen Innenkanal des Brunnenstocks geführt und floss durch die Wolfskopf-Röhren in das Becken. Die Gurzelngasse, wo der Brunnen ursprünglich stand, war eine der belebtesten Gassen der Altstadt, der Brunnen versorgte Händler, Handwerker und Bewohner des Quartiers täglich mit frischem Wasser.
Das grosse Problem der frühen Brunnenbecken war die Wasserdichtheit: Die aus Steinplatten gefügten Becken des 16. Jahrhunderts hielten das Wasser nie vollständig. Im Lauf des 18. Jahrhunderts löste die Stadt das Problem durch monolithische Becken, riesige Kalksteinblöcke, die in einem einzigen Stück aus den Steingruben nördlich der Stadt geholt wurden. Der Jurakalkstein-Trog des Georgs-Brunnens ist eines der schönsten Beispiele dieser Technik.
🔧 Restaurierungen: kräftige Farben, immer wieder erneuert
Der Georgs-Brunnen gehört zu den fünf historisch bemalten Brunnen Solothurns, die im Rahmen der kantonalen Denkmalpflege laufend gepflegt werden. Die kräftige Farbfassung, seit dem 18. Jahrhundert ein prägendes Merkmal des Brunnens, wurde mehrfach erneuert. In den letzten Jahren erfolgten umfassende Restaurierungsarbeiten an Säule, Kapitell und der dreiteiligen Figurengruppe.
Die Wolfskopf-Ornamente an den Ausgussröhren und die musizierenden Engel am Kapitell sind dabei besondere Herausforderungen: Sie sind klein, exponiert und anfällig für Frost und Vogelbefall. Die Stadtarchäologie dokumentiert jeden Eingriff sorgfältig, um die Originalsubstanz zu schützen.
🔢 Der Brunnen & die Zahl Elf
Der Georgs-Brunnen ist der neunte der 11 historischen Brunnen auf dem offiziellen Brunnenbummel. Er bildet mit dem Simson-Brunnen (1548, Friedhofplatz) ein Geschwisterpaar, beide im gleichen Jahr, vom gleichen Bildhauer, im gleichen Auftrag der Stadt. Wer beide betrachtet, sieht, wie Perroud ein und dasselbe Jahr genutzt hat, um zwei völlig verschiedene Kompositionen zu schaffen: dort der einsame Kraftheld auf dem Löwen, hier der Ritter zu Pferd in dramatischer Dreiergruppe.
📸 Foto-Tipps
- Beste Zeit: Morgens oder später Nachmittag, der Börsenplatz liegt etwas abgeschattet, weshalb diffuses Licht die Figurendetails am besten herausarbeitet. An bewölkten Tagen kommen die Farben besonders gut.
- Bester Winkel: Von schräg vorne unten auf die dreiteilige Figurengruppe, so sind Georg, Drache und Königstochter gleichzeitig im Bild. Die Komposition auf engstem Raum kommt von dieser Perspektive am besten zur Geltung.
- Detail: Die Wolfskopf-Ornamente an den Ausgussröhren und die musizierenden Engel am Kapitell sind fotogen und überraschend für die meisten Besucher.
- Weitwinkel: Der Börsenplatz selbst ist klein und ruhig, ein Weitwinkel mit Brunnen und Altstadt-Hintergrund ergibt ein stimmungsvolles Gesamtbild.
🚌 Anreise & Kombination
- Zu Fuss vom Bahnhof: ca. 12 Minuten durch die Hauptgasse
- Bus: Haltestelle Kronenplatz, dann 5 Minuten zu Fuss
- Kombination: Nur 3 Minuten vom Gerechtigkeitsbrunnen. Der komplette Perroud-Rundgang: Georgs-Brunnen → Gerechtigkeitsbrunnen (3 Min.) → Simson-Brunnen auf dem Friedhofplatz (7 Min.) → Fischbrunnen auf dem Marktplatz (8 Min.), alle vier Brunnen der Familie Perroud in einem einzigen Spaziergang von rund 20 Minuten.
❓ Häufige Fragen
Warum steht der Georgs-Brunnen heute am Börsenplatz?
Ursprünglich stand er an der Gurzelngasse. Im Winter 1779/80 wurde er dorthin versetzt, weil der alte Brunnentrog undicht geworden war. Am Börsenplatz erhielt er ein neues Monolithbecken aus einem einzigen Stück Jurakalkstein. Der alte Trog von 1780 fand beim Fischbrunnen auf dem Marktplatz eine Weiterverwendung.
Was zeigt die Figurengruppe auf dem Georgs-Brunnen?
Die dreiteilige Gruppe zeigt den Heiligen Georg hoch zu Ross, wie er mit der Lanze den Drachen durchbohrt, während daneben die gerettete Königstochter kniet. Die Szene basiert auf der mittelalterlichen Georg-Legende aus der «Legenda aurea».
Wer hat den Georgs-Brunnen geschaffen?
Laurent Perroud aus Cressier NE schuf Figur, Säule und Kapitell 1548, im selben Jahr wie den Simson-Brunnen auf dem Friedhofplatz. Die Farbfassung besorgte nach der Versetzung 1780 der Maler H. B. Diemer, der dafür, so die überlieferte Anekdote, besser bezahlt wurde als der ursprüngliche Bildhauer.
Was ist das Besondere am Trog des Georgs-Brunnens?
Das ovale, kreuzförmig erweiterte Becken wurde aus einem einzigen Stück Jurakalkstein herausgehauen, ein handwerkliches Meisterstück. Die Ausgussröhren sind mit Wolfskopf-Ornamenten verziert. Der Trog entstand 1780 und ist ein Musterbeispiel der Solothurner Brunnenbaukunst des späten 18. Jahrhunderts.
Was ist der «komplette Perroud-Rundgang»?
Laurent Perroud und sein Sohn Jacques schufen vier der fünf Renaissance-Figurenbrunnen Solothurns. Der Rundgang führt in rund 20 Minuten von Georgs-Brunnen (Börsenplatz) zum Gerechtigkeitsbrunnen (Hauptgasse), zum Simson-Brunnen (Friedhofplatz) und zum Fischbrunnen (Marktplatz).
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