Wer ist der Mann auf dem Brunnen an der Hauptgasse? Seit 2011 ist das in Solothurn eine offene Frage und die Antwort ist komplizierter, als man erwarten würde. Der Brunnen heisst seit jeher Gedeon-Brunnen. Doch bei der Restaurierung 2011 wurde zu Füssen der Figur der Kieferknochen eines Esels entdeckt und der ist das klassische Symbol für Simson, nicht für Gedeon. Wer steht also wirklich auf dem Brunnen? Der Gedeon-Brunnen ist das grösste Rätsel unter den 11 historischen Brunnen Solothurns.
📍 Lage: wo genau steht er?
Inhaltsverzeichnis
Der Gedeon-Brunnen steht an der Hauptgasse in der Solothurner Altstadt, der zentralen Flaniermeile, die sich vom Kronenplatz bis zum Marktplatz erstreckt. Er steht dort als einer der markanten Fixpunkte der Gasse, unweit der St.-Ursenkathedrale und in Sichtweite des Fischbrunnens auf dem Marktplatz.
Adresse: Hauptgasse, 4500 Solothurn, zwischen Kronenplatz und Marktplatz, Altstadt
Vom Hauptbahnhof zu Fuss in rund 10 Minuten durch die Hauptgasse. Der Brunnen ist ein natürlicher Haltepunkt auf dem Weg vom Kronenplatz zur Kathedrale.
👁️ Das Erste, was man sieht: eine Beschreibung
Der Gedeon-Brunnen ist der jüngste der fünf Figurenbrunnen im barocken Kern der Altstadt und der einzige, der im Stil des 18. Jahrhunderts gestaltet wurde, merklich anders als die Renaissance-Brunnen von Perroud und Gieng.
- Das Becken: elegantes Monolithbecken aus Solothurner Kalkstein, dem Zeitgeschmack des späten 18. Jahrhunderts entsprechend mit Louis-XVI-Motiven gestaltet. Klar, klassizistisch, ohne die Wucht der früheren Renaissance-Tröge.
- Der Stock: schlanke Säule im Rokoko-Stil, fein profiliert, mit einer Vase als Abschluss. Stock und Vase tragen deutlich die elegante Handschrift des 18. Jahrhunderts.
- Die Figur zuoberst: ein bärtiger Mann in zeitlosem Gewand, der ein nasses Schaffell hält und ausringt. Das Wasser tropft aus dem Fell — ein stilles, unspektakuläres Bild verglichen mit dem kämpfenden Georg oder dem Simson auf dem Löwen. Und doch steckt in diesem Bild eine grosse Geschichte.
- Das Rätsel zu Füssen: der Kieferknochen eines Esels, 2011 bei der Restaurierung unter den Füssen der Figur entdeckt. Ein Detail, das alles in Frage stellt.
🏛️ Geschichte Brunnen der Kathedralweihe
Der Gedeon-Brunnen entstand nicht aus einem alltäglichen Bedürfnis heraus, sondern als Teil eines grossen städtischen Ereignisses: der Einweihung der St.-Ursenkathedrale am 30. September 1773.
Als die monumentale Barockkathedrale — 1762 von Gaetano Matteo Pisoni begonnen, 1773 von seinem Neffen Paolo Antonio Pisoni vollendet — nach elf Jahren Bauzeit eingeweiht wurde, erhielt auch die Umgebung eine würdige Gestaltung. Zur Kathedrale gehörte eine grosse Freitreppe, und zur Freitreppe gehörten zwei Brunnen: Der Gedeon-Brunnen und der Moses-Brunnen, die den östlichen Abschluss der Hauptgasse flankieren. Beide Figuren schuf Johann Baptist Babel, auftragsgemäss auf den 30. September 1773, den Tag der Kirchweihe. Ein Bildhauer, zwei Brunnen, ein Datum.
👤 Der Bildhauer: Johann Baptist Babel, der bedeutendste Barock-Bildhauer der Schweiz
Johann Baptist Babel (1716–1799) war kein gewöhnlicher Handwerker. Er gilt als der bedeutendste Bildhauer der Barockzeit in der Schweiz, ein süddeutscher Meister aus Pfronten-Ried bei Füssen in Bayern, der sich 1746 in Einsiedeln niederliess und von dort aus ganz Zentralschweiz mit Skulpturen versorgte.
Was Babel besonders macht: Seine Schaffenszeit überspannte den Übergang von Spätbarock zu Rokoko und schliesslich zum Klassizismus — eine ungewöhnlich lange produktive Periode für einen Bildhauer. Der Gedeon- und der Moses-Brunnen entstanden in seiner Rokokophase. Die Figuren sind fein, elegant, zurückhaltend — kein dramatischer Kampf wie bei Perrouds Georg oder Simson, sondern ein stiller, kontemplativ-erzählender Moment.
In Solothurn hinterliess Babel weitere Spuren: Die Statue des Mauritius auf dem Turm der St.-Ursenkathedrale stammt ebenfalls von ihm, derselbe Heilige, der auf dem Maurizius-Brunnen am Zeughausplatz steht, jetzt hoch oben auf dem Kirchturm.
🐑 Das grosse Rätsel: Gedeon oder Simson?
Hier beginnt das eigentliche Geheimnis des Brunnens. Die herkömmliche Auslegung sagt: Die Figur zeigt Gedeon, einen alttestamentlichen Richter und Feldherrn aus dem 11. Jahrhundert v. Chr. Gedeon erhielt durch einen Engel von Gott den Auftrag, gegen die Midianiter vorzugehen, ein Nomadenvolk, das Raubzüge gegen Israel führte.
Gedeon erbat sich von Gott ein Zeichen. Er breitete an einem trockenen Ort ein Schaffell aus. Am nächsten Morgen, so die Geschichte aus dem Buch der Richter (6,36–40), war das Fell so durchtränkt, dass er daraus Wasser pressen konnte, während der Boden ringsum trocken geblieben war. Diese Szene zeigt Babel: Der Mann ringt das nasse Fell aus.
Soweit die offizielle Version. Doch dann kam die Restaurierung von 2011, und die Entdeckung veränderte alles: Zu Füssen der Figur lag der Kieferknochen eines Esels. Und der Eselskiefer ist eindeutig das Symbol für Simson, nicht für Gedeon. Im Buch der Richter (15,15) erschlug Simson tausend Philister mit dem Kieferknochen eines Esels.
Seither lautet die offene Frage: Wer steht wirklich auf dem Brunnen?
- Für Gedeon spricht: Der Name des Brunnens, der seit Jahrhunderten überliefert ist. Die Szene mit dem nassen Fell, eine klare Gedeon-Szene. Und die Tatsache, dass auf dem Friedhofplatz seit 1548 bereits ein Simson-Brunnen steht: Warum hätte es 200 Jahre später einen zweiten Simson-Brunnen gebraucht?
- Für Simson spricht: Der Kieferknochen eines Esels zu Füssen der Figur, ein eindeutiges Simson-Attribut, das kein Zufall sein kann. Babylon kannte beide Figuren und hätte einen Eselskiefer nicht aus Versehen an einen Gedeon-Brunnen gesetzt.
Die offizielle Haltung: «Letztlich besteht Raum für beide Interpretationen», so formuliert es Solothurn Tourismus. Das Rätsel bleibt offen. Der Gedeon-Brunnen ist der einzige der 11 Brunnen, bei dem die Identität der Figur bis heute nicht abschliessend geklärt ist.
💧 Wozu diente der Brunnen früher?
Der Gedeon-Brunnen war wie alle historischen Solothurner Brunnen ein Trinkwasserbrunnen für die umliegenden Quartiere und Haushalte. Seine Lage an der Hauptgasse machte ihn zu einem der meistbesuchten Brunnen der Stadt, die Hauptgasse war die zentrale Handelsachse, und jeder, der sie durchquerte, kam am Brunnen vorbei.
Anders als die Renaissance-Brunnen des 16. Jahrhunderts war der Gedeon-Brunnen von Anfang an auch ästhetisches Stadtmöbel: Er entstand zusammen mit der Kathedrale als Teil einer durchdachten städtebaulichen Gestaltung, Trinkwasser und Schönheit in einem.
🔧 Restaurierung 2011 und der Fund
Die Restaurierung von 2011 war kunsthistorisch bedeutsam: Nicht wegen der handwerklichen Eingriffe, sondern wegen des Funds. Der Kieferknochen des Esels zu Füssen der Figur wurde sorgfältig dokumentiert, analysiert und in den Restaurierungsbericht aufgenommen. Er ist heute ein Teil der wissenschaftlichen Diskussion über die Identität der Figur, und das bekannteste Rätsel unter den 11 Solothurner Brunnen.
Der Brunnen wurde wie alle historisch bemalten Brunnen der Stadt gereinigt, die Farbfassung erneuert und die Steinsubstanz gefestigt. Die Denkmalpflege begleitet alle Restaurierungsarbeiten.
🔢 Der Brunnen & die Zahl Elf
Der Gedeon-Brunnen ist einer der jüngeren der 11 historischen Brunnen, entstanden 1773, über 200 Jahre nach den Renaissance-Brunnen des 16. Jahrhunderts. Er und der Moses-Brunnen bilden ein Geschwisterpaar: Gleicher Bildhauer, gleicher Auftrag, gleicher Tag. Zusammen rahmen sie die Freitreppe der St.-Ursenkathedrale und markieren das östliche Ende der Hauptgasse. Wer die 11 Brunnen in ihrer Gesamtheit betrachtet, sieht hier den Wandel: von den kraftvollen Renaissance-Figuren Perrouds und Giengs hin zur eleganten Zurückhaltung des Barock-Rokoko.
📸 Foto-Tipps
- Beste Zeit: Morgens oder später Nachmittag, die Hauptgasse liegt in Ost-West-Ausrichtung, seitliches Licht betont die Plastizität der Figur am schönsten.
- Bester Winkel: Von schräg vorne, mit der St.-Ursenkathedrale und ihrer Freitreppe im Hintergrund — so sieht man den Brunnen im Kontext seiner Entstehungsgeschichte.
- Detail: Das nasse Schaffell in den Händen der Figur ist das zentrale Bildmotiv, Nahaufnahme von schräg unten zeigt die Figur in ihrer ganzen Eleganz.
- Rätsel fotografieren: Wer den Eselsknochen zu Füssen der Figur findet und fotografiert, hat das grösste Geheimnis der Solothurner Brunnenwelt im Bild.
🚌 Anreise & Kombination
- Zu Fuss vom Bahnhof: ca. 10 Minuten durch die Hauptgasse
- Bus: Haltestelle Kronenplatz, dann 3 Minuten zu Fuss Richtung Kathedrale
- Kombination: Direkt daneben der Moses-Brunnen (Geschwisterpaar, gleicher Bildhauer). Dahinter die St.-Ursenkathedrale (beide Brunnen entstanden für deren Einweihung). In 5 Minuten zum Gerechtigkeitsbrunnen und Fischbrunnen.
❓ Häufige Fragen
Wer hat den Gedeon-Brunnen in Solothurn gebaut?
Die Figur schuf Johann Baptist Babel (1716–1799) aus Pfronten-Ried, der bedeutendste Barockbildhauer der Schweiz, ansässig in Einsiedeln. Er vollendete den Brunnen auftragsgemäss auf den 30. September 1773, den Tag der Einweihung der St.-Ursenkathedrale. Den Moses-Brunnen schuf er im selben Auftrag.
Was zeigt die Figur auf dem Gedeon-Brunnen?
Die Figur zeigt einen bärtigen Mann, der ein nasses Schaffell ausringt, eine Szene aus dem Buch der Richter (6,36–40), in der Gedeon Gott um ein Zeichen bittet: Das Fell soll feucht, der Boden ringsum trocken sein. Gott erfüllt die Bitte.
Ist die Figur wirklich Gedeon, oder doch Simson?
Das ist die offene Frage. Bei der Restaurierung 2011 wurde zu Füssen der Figur der Kieferknochen eines Esels entdeckt, das klassische Attribut Simsons, nicht Gedeons. Für Gedeon spricht der Brunnenname und die Szene mit dem Fell. Für Simson spricht der Eselsknochen. «Letztlich besteht Raum für beide Interpretationen», so Solothurn Tourismus. Das Rätsel ist bis heute offen.
Warum entstanden Gedeon- und Moses-Brunnen gleichzeitig?
Beide Brunnen wurden als Teil der Umgebungsgestaltung der St.-Ursenkathedrale in Auftrag gegeben und auf den 30. September 1773, den Tag der Kirchweihe, fertiggestellt. Sie flankieren die Freitreppe der Kathedrale und bilden den östlichen Abschluss der Hauptgasse.
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