Vor der Franziskanerkirche, einer der ältesten Kirchen Solothurns, steht der letzte der 11 historischen Brunnen: der Franziskaner-Brunnen. Er schliesst den Brunnenbummel durch die Altstadt mit einem doppelten Ausrufezeichen ab, denn seine Geschichte steckt voller Überraschungen. Ein Kartello mit der Jahreszahl 1628 und einem Steinmetzzeichen. Eine Fratze, aus der das Wasser fliesst. Originale im Steinmuseum, Kopien aussen. Und eine Kirche dahinter, die 700 Jahre Solothurner Geschichte trägt, von der Bettelordenskirche der Franziskaner über die Hofkirche des französischen Königs bis zur heutigen christkatholischen Gemeinde.
📍 Lage: wo genau steht er?
Inhaltsverzeichnis
Der Franziskaner-Brunnen steht auf dem Franziskanerplatz, einem kleinen Platz unmittelbar vor der Franziskanerkirche in der Solothurner Altstadt. Er liegt im östlichen Teil der Altstadt, nahe der Barfüssergasse und dem Stalden, und ist vom Gerechtigkeitsbrunnen in wenigen Minuten zu Fuss erreichbar.
Adresse: Franziskanerplatz, 4500 Solothurn, vor der Franziskanerkirche, Altstadt
Vom Hauptbahnhof zu Fuss in rund 12 Minuten. Vom Gerechtigkeitsbrunnen sind es nur 3 Minuten. Der Franziskanerplatz ist einer der ruhigsten Plätze der Altstadt, abseits der grossen Touristen-Route, aber umso stimmungsvoller.
👁️ Das Erste, was man sieht: eine Beschreibung
Der Franziskaner-Brunnen ist der detailreichste Vasenbrunnen unter den 11 historischen Brunnen Solothurns, reich verziert, fast überschwänglich, ein Spätbarock-Meisterstück in kleinem Massstab. Was man beim Hinschauen entdeckt:
- Der Trog: ein relativ kleines, sechseckiges Bassin mit stark profilierter und vorbauchender Brunnenwand. Das Becken ist kompakter als bei den grossen Renaissance-Brunnen, angemessen für einen ursprünglich privaten Hofbrunnen.
- Das Postament: reich profiliert und mit Fratzen verziert. Die Fratzen, verzerrte Gesichter, halb lachend, halb grimassierend, sind ein typisches Ornamentmotiv des Barock und verleihen dem Brunnen eine seltsam lebendige Präsenz.
- Die Säule: kanneliert, mit Pfeifen, auf dem Postament ruhend. Die Kannelierung ist fein und präzise, ein Handwerk, das mit der Qualität der grossen Figurenbrunnen mithalten kann.
- Das korinthische Kapitell: das aufwändigste Detail des Brunnens. Korinthisch, mit Akanthusblättern, gekrönt von einer eleganten Vase.
- Die Brunnenröhre: geht aus einer Fratze hervor. Das Wasser fliesst aus einem verzerrten Gesicht, eine Tradition, die von den antiken Masken-Brunnen über die Renaissance bis ins Barock reicht.
- Das Cartello: eine Kartusche mit der Jahreszahl 1628 und einem Steinmetzzeichen. Das Zeichen des Handwerkers, der den Brunnen schuf, ist eines der wenigen erhaltenen Handwerkerzeichen an den Solothurner Brunnen.
🏛️ Geschichte: Hofbrunnen, Mühle und Steinmuseum
Die Geschichte des Franziskaner-Brunnens beginnt wie die des Hintergass-Brunnens, mit einer Bewilligung von 1628 und einem privaten Hofbrunnen. Das Cartello am Brunnenstock trägt das Datum 1628 und ein Steinmetzzeichen, beides verweist auf die Entstehung des Brunnens als privates Objekt.
Der Brunnen stand ursprünglich nicht vor der Franziskanerkirche. Auf dem Areal südlich des heutigen Standorts, unmittelbar vor der Fassade der Franziskanerkirche, stand jahrhundertelang die Giblinmühle, eine Mühle, die das Stadtbild des Platzes bis ins 20. Jahrhundert prägte. Im Jahr 1918 beendete Alfred Ulrich seine Tätigkeit als letzter Müller. Erst 1952 fand der Abbruch der Mühle statt und erst danach wurde der Franziskanerplatz so frei, wie er heute erscheint.
1960 erhielt der Brunnen seinen heutigen Standort vor der Franziskanerkirche. Damit kam er an einen Ort, der seiner Geschichte angemessen ist: vor einer der ältesten Kirchen der Stadt, auf einem stillen Platz, der erst durch den Abbruch der Mühle entstanden war.

🏛️ Original und Kopie: das Steinmuseum bewahrt
Der Franziskaner-Brunnen hat ein Geheimnis, das nur Kenner wissen: Was man heute vor der Franziskanerkirche sieht, ist keine vollständige Original-Substanz. Zwei Jahre nach der Versetzung an den heutigen Standort, also um 1962, wurden Kopien von Säule und Kapitell angefertigt. Die Originale sind zu wertvoll und zu empfindlich für den Dauereinsatz im Freien und wurden ins Steinmuseum Solothurn überführt, wo sie im Lapidarium hinter der Jesuitenkirche zu bewundern sind.
Was draussen steht, sind damit qualitätvolle Kopien. Was drinnen im Steinmuseum steht, sind die echten Originale. Wer den Franziskaner-Brunnen wirklich vollständig kennenlernen will, muss also zweimal hinschauen: einmal draussen vor der Kirche, einmal drinnen im Steinmuseum.
⛪ Die Kulisse: Die Franziskanerkirche, 700 Jahre Geschichte
Was den Franziskaner-Brunnen so besonders macht, ist seine Kulisse: die Franziskanerkirche, gebaut ab 1280, eingeweiht 1299, die älteste noch stehende Kirche Solothurns und eine der ältesten im ganzen Kanton.
Die Geschichte der Franziskanerkirche ist so reich wie die der Stadt selbst:
- 1280: Franziskanermönche, die Barfüsser, lassen sich in Solothurn nieder. Ihre erste Kirche wird 1299 eingeweiht.
- 1426: Brand zerstört die Kirche. Bis 1436 Wiederaufbau als spätgotische Bettelordenskirche, die heutige Grundstruktur des Gebäudes.
- Reformationszeit: Das Kloster wird zeitweise unbewohnt. In der Kirche predigt der Berner Reformator Berchtold Haller, ein kurzes protestantisches Intermezzo in der streng katholischen Stadt.
- Ab 1546: Rückkehr der Ordensbrüder. Als Solothurn Sitz der französischen Ambassadoren wird, avanciert die Franziskanerkirche zur Hofkirche des französischen Gesandten. Der Hochaltar erhält ein Altarbild, das vom französischen König Ludwig XIV. gestiftet wird, die Himmelfahrt Mariens.
- 1823 bis 1826: Umbau im klassizistischen Stil. Der Lettner wird abgebrochen, die ursprüngliche Zweiräumigkeit der Klosterkirche aufgegeben.
- 1876: Im Zuge des Kulturkampfs wird das Kloster aufgehoben. In der Kirche hält die christkatholische Gemeinde ihren ersten Gottesdienst und nutzt sie bis heute.
Vor dieser langen Geschichte steht der Franziskaner-Brunnen, bescheiden, reich verziert, still. Ein würdiger Abschluss des Brunnenbummels.
💧 Wozu diente der Brunnen früher?
Als privater Hofbrunnen war der Franziskaner-Brunnen ursprünglich ausschliesslich für den Haushalt des Besitzers bestimmt. Das Wasser wurde durch das unterirdische städtische Leitungssystem zugeführt. Der Brunnen stand im Hinterhof, weit weg vom öffentlichen Leben, ohne Sudeltrog, ohne Marktfrauen und ohne die strengen Vorschriften der städtischen Brunnenordnung für öffentliche Brunnen.
Erst seit 1960 steht er öffentlich zugänglich und dient seither als Zierbrunnen auf dem Franziskanerplatz. Er ist nicht mehr ans Trinkwassernetz angeschlossen.
🔢 Der Brunnen & die Zahl Elf: der Abschluss
Der Franziskaner-Brunnen ist der elfte und letzte der 11 historischen Brunnen Solothurns. Er steht vor der ältesten Kirche der Stadt und schliesst damit einen Bogen, der mit dem Fischbrunnen auf dem Marktplatz begann: vom Zentrum der Stadt an ihre historischen Ränder, von der Hauptgasse in die stille Gasse vor der Bettelordenskirche.
Elf Brunnen. Elf Plätze. Elf Türme. Elf Altäre in der Kathedrale. Elf Glocken. Und eine Öufi-Uhr, die nur elf Stunden kennt. Wer alle elf Brunnen gefunden hat, kennt Solothurn, und seine Zahl.
📸 Foto-Tipps
- Bestes Motiv: Brunnen mit der Franziskanerkirchen-Fassade im Hintergrund, die Kombination aus dem reich verzierten Vasenbrunnen und der schlichten gotisch-klassizistischen Kirchenfassade erzählt 700 Jahre Geschichte in einem Bild.
- Beste Zeit: Nachmittag, die Westfassade der Franziskanerkirche wird dann von der Sonne getroffen, während der Brunnen im weichen Licht steht.
- Detail: Das Cartello mit der Jahreszahl 1628 und dem Steinmetzzeichen, selten fotografiert, aber das persönlichste Detail des ganzen Brunnens. Ein Handwerker hat sich hier verewigt.
- Die Fratze: Die Brunnenröhre, die aus einem verzerrten Gesicht hervorgeht, von unten fotografiert, ein faszinierendes Bild zwischen Schrecken und Charme.
- Im Steinmuseum: Die Originale von Säule und Kapitell sind im Lapidarium hinter der Jesuitenkirche ausgestellt, ein zweiter Fototermin für den vollständigen Brunnen.
🚌 Anreise & Kombination
- Zu Fuss vom Bahnhof: ca. 12 Minuten durch die Hauptgasse und Barfüssergasse
- Bus: Haltestelle Kronenplatz, dann 5 bis 7 Minuten zu Fuss
- Kombination: In 3 Minuten zum Gerechtigkeitsbrunnen, in 5 Minuten zum Georgs-Brunnen auf dem Börsenplatz. Den Originalstein im Steinmuseum (Lapidarium hinter der Jesuitenkirche, Klosterplatz) anschauen. Die Franziskanerkirche ist nach Vereinbarung besichtigbar, die christkatholische Gemeinde freut sich über Besucher.
❓ Häufige Fragen
Warum heisst er Franziskaner-Brunnen?
Der Brunnen steht seit 1960 vor der Franziskanerkirche, der ältesten noch stehenden Kirche Solothurns, 1299 eingeweiht. Der Name leitet sich vom heutigen Standort ab, nicht von seiner Entstehungsgeschichte: Der Brunnen war ursprünglich ein privater Hofbrunnen und hatte keine direkte Verbindung zur Franziskanerkirche.
Was bedeutet das Datum 1628 am Brunnen?
Das Datum im Cartello verweist auf die Entstehung des Brunnens als privater Hofbrunnen. Es steht in Verbindung mit der Bewilligung für den Bau eines Brunnens im Hof von Junker Hans Jakob Wallier am 14. August 1628.
Sind die Originale des Franziskaner-Brunnens noch erhalten?
Ja, die originalen Säule und das Kapitell wurden 1962 ins Steinmuseum Solothurn überführt (Lapidarium hinter der Jesuitenkirche, Klosterplatz). Was heute vor der Franziskanerkirche steht, sind qualitätvolle Kopien. Die Originale sind im Steinmuseum zu bewundern.
Was ist die Franziskanerkirche in Solothurn?
Die Franziskanerkirche ist die älteste noch stehende Kirche Solothurns, 1280 durch Franziskanermönche begründet, 1299 eingeweiht, nach einem Brand 1426 als spätgotische Bettelordenskirche wiederaufgebaut. Während der Ambassadorenzeit war sie Hofkirche des französischen Gesandten, seit 1877 dient sie der christkatholischen Gemeinde.
Was ist das Steinmetzzeichen am Franziskaner-Brunnen?
Das Steinmetzzeichen im Cartello ist die persönliche Signatur des Handwerkers, der den Brunnen 1628 schuf, ein graviertes Symbol, mit dem Steinmetze ihre Werke kennzeichneten. Es ist eines der wenigen erhaltenen Handwerkerzeichen an den historischen Solothurner Brunnen.
Die Brunnen-Serie ist vollständig: Hintergass-Brunnen · Klosterplatz-Brunnen · Moses-Brunnen · Gedeon-Brunnen · Alle 11 Brunnen im Überblick


