Solothurn zählt, was andere Städte längst vergessen haben. Elf Türme, elf Brunnen, elf Kirchen, elf Glocken im Münster, die Zahl Elf ist in Stein gemeisselt, in Bronze gegossen, in Jahrhunderte eingeschrieben. Wer die elf historischen Türme der Stadt kennt, versteht Solothurn wie kaum etwas anderes: ihre Geschichte, ihre Wehrhaftigkeit, ihre Obsession mit der magischen Zahl und die glückliche Kombination aus Bewahrungswillen und purer Zufälligkeit, die dafür sorgte, dass heute noch elf Türme stehen.
Drei Türme, die man gesehen haben muss
Inhaltsverzeichnis
⏱ Zeitglockenturm
Das älteste Bauwerk der Stadt und das lebendigste. Zur vollen Stunde schlägt der Glockenschläger Jacquemart seinen Hammer, der König bewegt den Kiefer, und der Tod mahnt stumm an die Vergänglichkeit. Das astronomische Uhrwerk von Lorenz Liechti (1545) gilt bis heute als Meisterwerk der Uhrmacherkunst. Am Marktplatz, kostenlos zu besichtigen, Turmführungen nach Voranmeldung.
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🏰 Baseltor
Drei Rundtürme aus Jurakalkstein, gebaut 1504 nach dem Schwabenkrieg, das Baseltor ist der meistfotografierte Torbau der Stadt. Was kaum jemand weiss: Es führt nicht nach Basel, sondern nach Bern. Und am Ort seines Vorgängers, dem hölzernen Eichtor, vereitelte Hans Roth 1382 einen Angriff, der Solothurn das Leben hätte kosten können. Im Innern für Anlässe mietbar.
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🔔 Kirchturm St.-Ursenkathedrale
66 Meter hoch (6×11), 11 Glocken, 11 Altäre, 249 Stufen, 3×11 Stufen Freitreppe, der Kirchturm der St.-Ursen-Kathedrale ist das vollständigste Elfzahl-Bauwerk der Welt. Von der Plattform in 50 Metern Höhe reicht der Blick an klaren Tagen bis zu den Berner Alpen. Offen von Ostern bis Allerheiligen, Plattform mietbar für Apéros. Abendführungen mit Sonnenuntergang und Burgerwein buchbar.
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Solothurn und seine Elfzahl: Eine kurze Stadtgeschichte
Dass Solothurn heute noch elf Türme hat, ist kein geplanter Stadtbeschluss, sondern das Ergebnis von rund 800 Jahren Stadtgeschichte, mehrerer Abriss-Wellen, dramatischer Unglücksfälle und dem hartnäckigen Bewahrungswillen einer Stadt, die früh erkannte, was sie an ihrer gebauten Vergangenheit hatte.
Ursprünglich besass Solothurn deutlich mehr als elf Türme. Die mittelalterliche Stadtbefestigung, deren Aufbau im frühen 13. Jahrhundert begann, zählte schliesslich rund 20 Türme, darunter Tortürme, Wachttürme, Eckbollwerke und das Brückentor zur Aarequerung. Auf der ganzen Länge der Mauer verlief ein Rondengang, entweder als gedeckter Wehrgang oder als Korridor durch mauerbündige Häuser.
Was aus diesen 20 Türmen bis heute übrig blieb: genau elf. Nicht durch Planung, sondern durch eine eigenartige Mischung aus Krieg, Blitzschlag, Pulverexplosion, Abbruch-Eifer, Heimatschutz-Geist und manchmal schlichtem Glück.
Drei Epochen: eine Befestigung
Die Geschichte der Solothurner Stadtbefestigung lässt sich in drei grosse Epochen einteilen, die sich in den elf überlebenden Türmen direkt ablesen lassen:
Mittelalter (13.–15. Jahrhundert): Die zähringische Stadtmauer ab ca. 1230 bildete das Grundgerüst. Der Zeitglockenturm (13. Jh.), das frühe Bieltor (1280) und der Krummturm (1462/63) gehören zu dieser ersten Schicht. Der Rondengang verband die Türme zu einem Verteidigungssystem; auf der Stadtmauer konnten Soldaten von Turm zu Turm patrouillieren.
Renaissance (1500–1550): Nach dem Schwabenkrieg (1499) modernisierte Solothurn seine Befestigung grundlegend. Baseltor (1504), Bieltor (Wiederaufbau 1504–1514), Buristurm (1543) und Riedholzturm (1548, als Ersatz für den durch Blitz und Pulverexplosion zerstörten Nideckturm) entstanden in dieser Phase. Die neuen Türme sind runder, robuster, artillerietauglicher.
Barock (ab 1667): Unter dem Eindruck des Dreissigjährigen Krieges und des Bauernkriegs 1653 begann Solothurn mit dem Bau eines vollständigen Bastionssystems nach dem Vorbild Vaubans. Riedholzschanze und Krummturmschanze entstanden, die nördliche Festungsmauer wurde mit Wachttürmen verstärkt. Der kirchliche Abschluss der Elfzahl kam 1773 mit der Fertigstellung des St.-Ursenturms, exakt 11 Jahre nach Baubeginn. Die gesamte Schanzenanlage kostete rund 5 Millionen Franken und wurde nie im Ernstfall eingesetzt.
Was verschwunden ist
Mindestens sechs weitere Türme gingen verloren: der Georgsturm (abgebrochen), der Nydeck-Pulverturm (1546 durch Blitzeinschlag gesprengt, ersetzt durch den Riedholzturm), der Petersturm (17. Jh. abgebrochen), der Hürligturm (19. Jh. abgebrochen), beide Berntore (abgebrochen) und das Wassertor/Wengibrückenturm. Dass der Abbruch der Turnschanze 1905 den Gründungsmoment der Schweizerischen Vereinigung für Heimatschutz bildete, zeigt, wie nah es auch die verbliebenen elf Türme am Abriss vorbeiging.
Die Zahl 11: Mythos und Wahrheit
Die Elfzahl Solothurns ist echt — und gleichzeitig teilweise Mythos. Die Stadt zelebriert sie mit Begeisterung, und manches stimmt tatsächlich: 11 Altäre in der Kathedrale, 11 Glocken, 3×11 Stufen der Freitreppe, 11 Brunnen in der Altstadt, 11 Zünfte. Dass Solothurn der 11. Kanton der Eidgenossenschaft sei, ist dagegen falsch, es war der zehnte. Und die «6×11 Meter» des Kirchturms konnten nicht bewusst geplant sein, da das Metermasssystem zur Bauzeit noch nicht existierte.
Was die Elfzahl aber zweifellos ist: eine lebendige Stadtidentität, die über Jahrhunderte gepflegt und erweitert wurde. Die Solothurner begannen irgendwann, die Zahl bewusst zu suchen und fanden sie überall. Das Öufi-Bier, das Öufi-Boot, 11 Museen. Sogar eine Uhr, die nur 11 Stunden zeigt, gibt es in Solothurn. Die elf Türme sind das sichtbarste und dauerhafteste Zeugnis dieser Tradition.
Alle 11 Türme im Überblick
Hier folgen alle elf Türme mit einem kurzen Steckbrief und einem Link zum ausführlichen Einzelbeitrag, der Geschichte, Architektur, Legenden, Foto-Tipps und praktische Besucherinfos enthält.
Zeitglockenturm
Epoche: 13. Jahrhundert (ältestes Bauwerk der Stadt) | Standort: Marktplatz, Hauptgasse 46 | Nutzung heute: Öffentlich zugänglich, Turmführungen buchbar
Der «Rote Turm» aus bossierten Sandsteinquadern war ursprünglich Teil der zähringischen Stadtburg. 1408 erstmals als «Zitglogge» erwähnt. Das astronomische Uhrwerk von Lorenz Liechti (1544/45) zeigt Tierkreiszeichen, Mondphasen und Jahreslauf. Zur vollen Stunde: Glockenschläger Jacquemart, Ritter, König und Tod — ein Memento mori in mechanischer Form. Auch «Roter Turm» genannt. Zifferblätter nach allen vier Himmelsrichtungen. Restauriert 1999/2000, seither täglich betreut vom Stadtuhrmacher.
→ Ausführlicher Beitrag: Zeitglockenturm Solothurn, das älteste Bauwerk der Stadt
Baseltor
Epoche: 1504 (nach dem Schwabenkrieg) | Standort: Östlicher Altstadteingang, Riedholzplatz | Nutzung heute: Für Anlässe mietbar (bis 30 Personen)
Dreiteilige Toranlage aus Jurakalkstein: Mittelturm mit Tordurchgang, flankiert von zwei Rundtürmen. Erbaut von Hans Gibelin, einem Oberitaliener, in nur zwei Jahren. Gesamtkosten: 3002 Gulden (heute über 600’000 Franken). Am Ort des früheren hölzernen Eichtors, wo Hans Roth 1382 die Mordnacht von Solothurn vereitelte. Führt nicht nach Basel, sondern über Biberist nach Bern. Zusammen mit dem St.-Ursenturm bildet es eine grossartige Architektengruppe am Osteingang der Stadt.
→ Ausführlicher Beitrag: Baseltor Solothurn, das mächtige Tor am Osteingang der Stadt
Bieltor
Epoche: Um 1280 / Wiederaufbau 1504–1514 | Standort: Amthausplatz, St. Urbangasse 3 | Nutzung heute: Öffentlicher Durchgang, Fassadensanierung 2025
Ältestes Stadttor, ursprünglich «Gurzellontor» oder «Obertor» genannt. Über 700 Jahre Geschichte in einem Bau. Die Figur des Stadtpatrons St. Urs (1623, Bildhauer Gregor Bienckher) begrüsst alle Ankommenden — das Original ist im Steinmuseum. Das Bieltor ist das berühmte Nadelöhr der Solothurner Fasnacht: Jeder Umzugswagen muss so gebaut sein, dass er gerade noch hindurchpasst. Während der Ambassadorenzeit wurden neue Botschafter mit Salutschüssen vor dem Tor empfangen. Seit Juni 2025: umfassende Fassadensanierung inkl. Vergoldung der Turmuhr.
→ Ausführlicher Beitrag: Bieltor Solothurn, das westliche Stadttor mit dem Heiligen Urs
Buristurm
Epoche: 1543 | Standort: St. Urbangasse 15 | Nutzung heute: Kulturm — Konzerte, Theater, Partys, mietbar bis 250 Personen
Der Turm mit den meisten Leben: Wehrturm, Gefängnis, Wasserreservoir, Kleinkunstbühne, Eventlocation. 1543 durch Brand beschädigt und für 500 Gulden wiederhergestellt. 1902 zum Wasserreservoir umgebaut. Ab den 1970ern als «Kleintheater Muttiturm» entdeckt, heute als «Kulturm» bekannt. Vier flexible Ebenen auf historischem Gemäuer. 2024 Neubelebung durch den Verein Vivaare. Neben dem Bieltor, beide zusammen als westliches Befestigungsensemble. Kontakt: info@kulturm.ch
→ Ausführlicher Beitrag: Buristurm Solothurn, vom Wehrturm zum Kulturm
St.-Ursenturm
Epoche: 1773 | Standort: Hauptgasse 66 (Ostseite der Kathedrale) | Nutzung heute: Bestiegen April–November, Plattform mietbar
Das vollständigste Elfzahl-Bauwerk Solothurns: 11 Jahre Bauzeit, 3×11 Stufen, 11 Altäre, 6×11 Meter Turm, 11 Glocken. 249 Stufen zur Plattform in 50 Metern Höhe. Die «geschnürte Haube» von Architekt Pisoni ist in der Schweiz einmalig. Früher bewohnt vom Turmwächter als Feuerwächter. Domschatz im Erdgeschoss (Hornbacher Sakramentar, 983 n. Chr.). Abendführungen «Was vom Tage übrigbleibt» mit Burgerwein und Sonnenuntergang buchbar. Bestes Panorama über Solothurn und die Alpen.
→ Ausführlicher Beitrag: St.-Ursenturm, Solothurns Elfzahl-Meisterwerk
Riedholzturm
Epoche: 1548 (Ersatz für den gesprengten Nideckturm) | Standort: Riedholzbastion, beim Baseltor | Nutzung heute: Bastion frei zugänglich, Turm in Sommermonaten mietbar
Entstand aus einer Katastrophe: In der Nacht vom 26. auf den 27. Juli 1546 schlug ein Blitz in den Nideckturm, 300 Zentner Schwarzpulver explodierten, fünf Menschen starben. Der neue, runde Riedholzturm mit Jahreszahl 1548 in der Fassade trat an seine Stelle. Zusammen mit der Riedholzbastion bildet er die einzige erhaltene barocke Vollbastion mit Graben in der ganzen Schweiz, ein europäisches Unikat. Im Frühsommer: blühende Linden, Bienengesumm, betörender Duft. Unangefochtener Aussichtspunkt über die Altstadt.
→ Ausführlicher Beitrag: Riedholzturm Solothurn, aus der Asche des Pulverturms
Krummturm
Epoche: 1462/63 | Standort: Ritterquai / Vorstadt, südlich der Aare | Nutzung heute: Vereinslokal Artillerieverein, für Anlässe mietbar
Nicht krumm, nur das Dach wirkt schief, wegen des unregelmässigen Fünfeck-Grundrisses. Das älteste unverändert erhaltene Bauwerk der Stadt. Im Untergeschoss: ein 10 Meter tiefes, stockdunkles Verlies. Im Volksmund anfangs «Kumuff» (= «Kaum auf»), wegen des schleppenden Baufortschritts. Die Krummturmlegende: Ein Zimmermann, der die Tochter des Baumeisters liebte, wurde durch einen unmöglichen Auftrag in den Tod getrieben — der Baumeister landete daraufhin in seinem eigenen Verlies. Jedes Jahr im August: Solothurner Sommerfilme auf der Krummturmschanze (2026: 18.–23. August).
→ Ausführlicher Beitrag: Krummturm Solothurn, der älteste unveränderte Turm der Stadt
Die drei Wachttürme Nord
Epoche: 17. Jahrhundert | Standort: Nördliche Festungsmauer, Nordringstrasse | Nutzung heute: In Gebäude integriert, nicht öffentlich zugänglich
Die unbekanntesten Türme der Elfzahl und die faszinierendsten für Stadthistoriker. Alle drei sind vollständig in die heutigen Gebäude beim Ambassadorenhof und Franziskanerkloster eingewachsen. Die mittelalterliche Nordmauer bildet noch heute ihre Rückwand. 1882 wurden erstmals Fenster in die alte Mauersubstanz gebrochen. Unter der Nordringstrasse soll ein Majorgang verlaufen, ein unterirdischer Verbindungsgang, dessen geheime Abzweigungen bis heute nicht vollständig erforscht sind. Sie überlebten, weil sie zu nützlich als Gebäudewände waren.
→ Ausführlicher Beitrag: Die drei Wachttürme Nord, Solothurns verborgene Elfzahl
Die Spazieroute: Alle 11 Türme an einem Tag
Wer alle elf Türme an einem Tag erleben möchte, plant am besten 3–4 Stunden ein. Gesamtdistanz: ca. 3,5–4 km. Ausgangspunkt: Hauptbahnhof Solothurn.
- Start: Bahnhof → 8 Min. → Zeitglockenturm (Marktplatz), zur vollen Stunde warten lohnt sich
- Hauptgasse ostwärts → St.-Ursenkathedrale mit St.-Ursenturm, bei schönem Wetter aufsteigen
- Weiter östlich → Baseltor + St.-Ursenturm-Ensemble
- Nördlich → Riedholzturm auf der Riedholzbastion — Aussichtspunkt
- Nordringstrasse westwärts → drei Wachttürme Nord (in Gebäude eingelassen)
- Zurück südlich → Buristurm (St. Urbangasse) + Bieltor (Amthausplatz)
- Über Wengibrücke südlich der Aare → Krummturm am Ritterquai
- Zurück über die Brücke → Bahnhof
Tipp: Kombinieren mit einer der geführten Stadtführungen von Solothurn Tourismus zum Thema Türme, Tore und Mauern, Buchung: solothurn-city.ch, Tourist Office Hauptgasse 69, +41 32 626 46 66.
Praktische Infos auf einen Blick
| Turm | Zugänglich | Mietbar | Eintritt |
|---|---|---|---|
| Zeitglockenturm | Aussen jederzeit, Führungen buchbar | Nein | Führung kostenpflichtig |
| Baseltor | Aussen jederzeit | Ja (bis 30 P.) | Kostenlos (aussen) |
| Bieltor | Durchgang öffentlich (Sanierung 2025) | Nein | Kostenlos |
| Buristurm / Kulturm | Bei Veranstaltungen | Ja (bis 250 P.) | Je nach Anlass |
| St.-Ursenturm | April–November | Ja (7–20 P.) | Kostenpflichtig |
| Riedholzturm | Bastion jederzeit | Ja (Sommer) | Kostenlos (Bastion) |
| Krummturm | Nicht öffentlich | Ja (Anfrage AV) | – |
| Wachttürme Nord I–III | Nicht öffentlich | Nein | – |
Anreise nach Solothurn
Mit dem Zug: Solothurn liegt an der Hauptstrecke Zürich–Biel/Bern. Direkte Verbindungen ab Zürich (ca. 75 Min.), Bern (ca. 35 Min.), Basel (ca. 60 Min.).
Mit dem Auto: A1/A5 Ausfahrt Solothurn-Ost. Parkhäuser: Baseltor, Zentrum, Berntor.
Mit dem Schiff: Von Biel kommend auf der Aare, eine der schönsten Anreisevarianten der Schweiz.
Quellen: Solothurn Tourismus, Wikipedia Solothurn, festung-oberland.ch, myswitzerland.com, Kanton Solothurn Denkmalpflege | Alle Einzelbeiträge zu den Türmen finden sich in der Serie «Die 11 historischen Türme von Solothurn» auf solothurn-news.ch

