Er ist der wohl vielseitigste Turm Solothurns: Wehrturm, Gefängnis, Wasserreservoir, Kleinkunstbühne — und heute Kulturzentrum. Der Buristurm in der St. Urbangasse hat in seinen fast 500 Jahren mehr Rollen gespielt als jeder andere Turm der Stadt. Wer ihn betritt, betritt keinen blossen Stein aus der Vergangenheit, sondern ein lebendiges Stück Stadtgeschichte, das bis heute pulsiert.
Lage & Orientierung
Inhaltsverzeichnis
Der Buristurm steht an der St. Urbangasse 15, direkt neben dem Bieltor am westlichen Ende der Altstadt. Vom Hauptbahnhof Solothurn sind es 10–15 Gehminuten zu Fuss — Richtung Westen, über die Vorstadt zum Amthausplatz und dann in die St. Urbangasse. Das Parkhaus Bieltor liegt praktischerweise gleich nebenan.
Wer vom Amthausplatz Richtung Westen schaut, sieht Bieltor und Buristurm als Doppelensemble nebeneinander — der eine das Tor, der andere der flankierende Wehrturm. Beide gehören zum westlichen Befestigungsensemble der Altstadt und sind gemeinsam in wenigen Schritten erreichbar. In der Nachbarschaft finden sich ausserdem der Amthausplatz mit dem Kantonsgerichtgebäude sowie verschiedene Restaurants und Cafés.
Das Erste, was man sieht — Baubeschreibung
Der Buristurm ist ein massiver Rundturm aus Solothurner Jurakalkstein — kraftvoll, kompakt, ohne die repräsentative Ornamentik des Baseltors, aber mit einer eigenen, wuchtigen Ausstrahlung. Er bildet laut Schweiz Tourismus das Pendant zum Riedholzturm auf der Ostseite der Stadt: beide runde, kraftvolle Eckpfeiler ihrer jeweiligen Stadtseite.
Im Innern erschliesst sich die eigentliche Besonderheit: vier räumlich flexible Ebenen, die heute als Kulturräume genutzt werden — von der Loungebar im Erdgeschoss bis zur Bühne in den oberen Stockwerken. Die dicken Mauern aus dem 16. Jahrhundert schaffen eine Akustik und Atmosphäre, die kein moderner Kulturbau replizieren kann. Auch bekannt unter den Namen Muttiturm (historisch) und Kulturm (heute).
Geschichte & Entstehung
Der Buristurm wurde 1543 erbaut — als Teil der Stadtbefestigung, die nach dem Schwabenkrieg schrittweise erneuert und verstärkt wurde. Er entstand in derselben Modernisierungsphase wie Baseltor und Bieltor und diente als Flankenturm zur Verstärkung des westlichen Mauerabschnitts neben dem Bieltor.
Das Baujahr 1543 fällt mit einem dramatischen Ereignis zusammen: Im selben Jahr verwüstete ein Brand Teile des Turms. Die Stadt liess ihn für 500 Gulden wieder instandstellen — ein klares Zeichen, dass der Turm strategisch unverzichtbar war und nicht einfach aufgegeben werden sollte. Wikipedia hingegen nennt als Baujahr 1534, andere Quellen 1543 — die Diskrepanz erklärt sich wohl durch den Brand und den anschliessenden Wiederaufbau, der den Turm in seiner heutigen Form schuf.
Frühere Nutzung
Kaum ein Turm Solothurns hat so viele unterschiedliche Funktionen durchlaufen wie der Buristurm. Militärisch war er ein Wehrturm im westlichen Mauerabschnitt — robust, rund und für die Artillerieverteidigung ausgelegt.
Bald nach seiner Errichtung diente er jedoch vor allem als Gefängnis: Wie das Bieltor nebenan war auch der Buristurm ein Ort der Verwahrung — ein in Befestigungstürmen verbreiteter Doppelzweck, der die Infrastruktur der Stadtmauer effizient nutzte.
Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert erlebte der Turm eine spektakuläre Umnutzung: Er wurde zum Wasserreservoir umgebaut und diente der städtischen Wasserversorgung — ein faszinierender Kontrast zwischen mittelalterlicher Bausubstanz und moderner Infrastruktur des Industriezeitalters. Diese Phase endete, als die Stadt das Wasserversorgungssystem modernisierte und den Turm freigab.
Schicksalhafte Momente
Der Brand von 1543 war der dramatischste Moment in der frühen Geschichte des Turms — er beschädigte den Bau so stark, dass eine vollständige Instandsetzung für 500 Gulden nötig wurde. Dass die Stadt diesen Aufwand auf sich nahm, zeigt den strategischen Wert des Turms in der damaligen Verteidigungsplanung.
Im 19. Jahrhundert drohte dem Buristurm eine andere Art von Verschwinden: Im Zuge der Modernisierung der Stadtbefestigung und des wachsenden Strassenverkehrs wurden viele historische Bauten abgebrochen oder umgebaut. Der Buristurm überlebte — zunächst als Wasserreservoir, dann als Lagerraum, schliesslich als vergessener Turm am Stadtrand.
Die eigentliche Rettung kam in den 1970er Jahren durch die Kulturszene: Als lokale Künstler und Theaterleute den Turm entdeckten und als Bühne zu nutzen begannen, begann ein neues Kapitel — das bis heute anhält, wenn auch mit Höhen und Tiefen. Zuletzt geriet der Kulturm in einen «Winterschlaf», bis sich 2024 neue Kräfte formierten: Der Verein Vivaare aus Selzach stiess zum Verein Muttiturm und brachte frische Energie — Konzerte, Partys, Kleintheater sollen den Turm wieder regelmässig beleben.
Nutzungswandel im 19./20. Jahrhundert
Vom Wehrturm über das Gefängnis zum Wasserreservoir: Der Buristurm verkörpert wie kein anderer Turm Solothurns den radikalen Nutzungswandel historischer Bausubstanz über die Jahrhunderte. Jede Epoche hinterliess ihre Spuren in den Mauern — und jede fand eine neue Antwort auf die Frage: Wozu soll dieser Turm gut sein?
Die Antwort der 1970er Jahre war: Kunst und Kultur. Unter dem Namen «Kleintheater Muttiturm» begann alles mit bescheidenen Bühnenveranstaltungen und Erstauftritten junger Künstlerinnen und Künstler. Daraus wuchs eine beliebte Kleinkunstbühne, die sich in der Solothurner Kulturszene einen festen Platz erarbeitete. Heute trägt der Turm den Namen Kulturm und bietet auf vier flexiblen Ebenen Platz für Konzerte, Theater, Partys, Seminare und Privatanlässe bis zu 250 Personen.
Die Stadtbefestigung als System
Der Buristurm gehört zum westlichen Verteidigungsensemble der Stadtbefestigung und ergänzt das Bieltor als Flankenturm. Zusammen kontrollieren sie den westlichen Stadteingang — den Hauptzugang aus Richtung Bern und dem Jura.
Im Gesamtsystem der Solothurner Befestigung nimmt er eine Mittelposition ein: Er gehört zur Renaissance-Befestigungsphase des 16. Jahrhunderts, steht aber stilistisch einfacher als das repräsentative Baseltor. Seine Stärke liegt in der Robustheit, nicht in der Repräsentation — ein echter Wehrturm, kein Ehrenpforte.
Heutige Nutzung & Aktuelles
Der Buristurm ist heute als Kulturm aktiv und bietet regelmässig Veranstaltungen an: Konzerte, Kleintheaterstücke, DJ-Abende, Partys und mehr. Nach einer Phase der Stille hat der Turm seit 2024 wieder Fahrt aufgenommen — neue Vereinsmitglieder bringen frische Energie und ein erweitertes Programm.
An anlassfreien Tagen kann der Kulturm gemietet werden — ideal für exklusive Feiern, kreative Seminare, Firmenanlässe, Hochzeiten oder Geburtstage. Die vier flexiblen Ebenen bieten Platz für bis zu 250 Personen. Anfragen: info@kulturm.ch | kulturm.ch
Adresse: St. Urbangasse 15, 4500 Solothurn. Aktuelle Veranstaltungen und Programm: kulturm.ch.
Architektonische Besonderheiten
Was den Buristurm von allen anderen Solothurner Türmen unterscheidet, ist seine einzigartige Nutzungsgeschichte: Kein anderer Turm der Stadt hat so viele radikale Funktionswechsel durchgemacht — Wehrturm, Gefängnis, Wasserreservoir, Kulturzentrum. Diese Geschichte macht ihn zum faszinierendsten Zeugnis des städtischen Wandels.
Architektonisch ist er ein nüchterner, funktionaler Rundturm der Renaissance — klar im Auftritt, solide im Mauerwerk, ohne den dekorativen Aufwand des Baseltors. Kunsthistorisch steht er damit für die Militärarchitektur des 16. Jahrhunderts in ihrer reinsten Form: Funktion vor Ästhetik.
Die beste Sichtachse: Von der St. Urbangasse, mit Bieltor im Hintergrund — so wird das Doppelensemble der westlichen Stadtbefestigung sichtbar. Wer von Süden (Amthausplatz) kommt, erlebt beide Türme frontal als imposante Verteidigungslinie.
Die Zahl 11 & der Buristurm
Der Buristurm steht als Turm Nummer 4 in der Elfzahl — und ist der einzige unter den elf, der heute primär als Kulturort lebt. In gewissem Sinn ist er das lebendigste Glied in der Kette: Während andere Türme still dastehen und besichtigt werden, tönt aus dem Buristurm Musik, spricht Schauspiel, feiert Gesellschaft.
Das macht ihn auch zum Symbol dafür, dass die Elfzahl Solothurns keine museale Angelegenheit ist, sondern gelebte Stadtkultur. Elf Türme — und einer davon tanzt.
Foto-Tipps
Beste Tageszeit: Morgens oder am späten Nachmittag, wenn das Licht die Rundformen des Turms plastisch hervorhebt. Bei Veranstaltungsabenden lohnen sich Nachtaufnahmen mit warmen Innenlichtern, die durch die Fensteröffnungen leuchten — ein seltenes und stimmungsvolles Motiv.
Bester Standpunkt: Von der St. Urbangasse aus, mit dem Bieltor im Hintergrund — das Doppelensemble auf einem Bild. Für Nahaufnahmen: Das Mauerwerk aus Jurakalkstein mit seiner charakteristischen Textur eignet sich gut für Detail-Aufnahmen. Aus dem Innern des Kulturms bieten die Veranstaltungsabende einzigartige Motive: historisches Gemäuer trifft auf Bühnenlichter.
Jahreszeiten: Im Sommer ist die Umgebung der St. Urbangasse belebt und fotogen. Im Winter mit Schnee wirkt das dunkle Mauerwerk besonders markant.
Anreise & Kombination
Zu Fuss vom Bahnhof: Ca. 10–15 Minuten, westwärts durch die Vorstadt zum Amthausplatz, dann St. Urbangasse.
Parkhaus: Parkhaus Bieltor, direkt nebenan.
Bus: Haltestelle «Solothurn, Amthausplatz».
Sinnvolle Kombinationen: Buristurm + Bieltor (30 Sekunden entfernt) + Zeitglockenturm (Gurzelngasse, 5 Minuten) — drei Türme in einem kurzen Spaziergang. Wer einen Kulturabend plant: Das Programm des Kulturms auf kulturm.ch prüfen und den Besuch mit einer Veranstaltung verbinden — so erlebt man den Turm in seiner lebendigsten Form.
→ Zum Übersichtsartikel: Die 11 Türme von Solothurn
FAQ
Wann wurde der Buristurm gebaut?
Der Buristurm wurde 1543 errichtet — im selben Jahr verwüstete ein Brand Teile des Turms, der daraufhin für 500 Gulden wiederhergestellt wurde. Er gehört zur Renaissance-Befestigungsphase Solothurns, die nach dem Schwabenkrieg von 1499 einsetzte.
Warum heisst er auch Muttiturm oder Kulturm?
Der Name «Muttiturm» stammt aus den 1970er Jahren, als der Turm als «Kleintheater Muttiturm» zur alternativen Kulturszene Solothurns wurde. Heute trägt er offiziell den Namen «Kulturm» — eine Wortschöpfung aus «Kultur» und «Turm», die sein heutiges Wesen treffend beschreibt.
Kann man den Kulturm mieten?
Ja — an anlassfreien Tagen kann der Kulturm für private und geschäftliche Anlässe gemietet werden. Vier flexible Ebenen bieten Platz für bis zu 250 Personen. Anfragen: info@kulturm.ch oder kulturm.ch.
Was ist das Besonderste an der Geschichte des Buristurms?
Seine Nutzungsvielfalt: Kein anderer Turm Solothurns hat so viele radikale Funktionswechsel erlebt — Wehrturm, Gefängnis, Wasserreservoir und Kulturzentrum. Diese Geschichte macht ihn zum faszinierendsten Zeugnis städtischen Wandels unter den elf Türmen.
Finden im Kulturm regelmässig Veranstaltungen statt?
Ja, nach einer ruhigeren Phase hat der Kulturm seit 2024 wieder mehr Fahrt aufgenommen. Konzerte, Kleintheater, DJ-Abende und Partys stehen auf dem Programm. Aktuelles findet sich auf kulturm.ch.
Teil der Serie «Die 11 historischen Türme von Solothurn» | Quellen: Solothurn Tourismus, KULTURM Solothurn (kulturm.ch), SOgenda, Schweiz Tourismus, Solothurner Zeitung, Wikipedia

